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Nachhaltigkeit - zu einer Strategie für politische Mehrheiten



Von Manus van Brakel, Amsterdam

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich möchte Sie heute zu einer Zeitreise durch die Nachhaltigkeitsgeschichte in den Niederlanden einladen. 1991 haben wir in den Niederlanden mit einer Diskussion über Konsum als Vorbereitung zu einer Kampagne im Jahre 1992 - dem Jahr des Umweltgipfels in Rio - begonnen. Wir wollten uns auf dem Feld des Überkonsums in den reichen Industriestaaten engagieren, weil wir meinten, dass hier wahrscheinlich die größte Barriere zu einer globalen Nachhaltigkeit liegt. Die Frage, die wir uns stellten, war: wenn Überkonsum das Problem ist, wie weit müssen wir unseren Konsum verringern, bis er nachhaltig ist? Merkwürdigerweise gab es noch keine Antworten auf die Frage. Dies war deshalb erstaunlich, weil schon 1991 das Thema Überkonsum in aller Munde war. Natürlich ist es schwierig, eine konkrete Perspektive zu entwickeln, wenn man nicht weiß, wo das Endziel ist. Man kann den Menschen nicht sagen, unser Anliegen sei, dass wir künftig unseren Konsum reduzieren müßten - schon gar nicht als eine NGO und ein Verein, der von seinen Mitgliedern getragen wird, die doch Teil einer sozialen Bewegung sind. Das verspricht nicht unbedingt Erfolg. Es gibt zwar manche, die - politisch sehr korrekt - eine solche Haltung uneingeschränkt befürworten. Aber die Mehrheit der Bevölkerung wird dem ablehnend gegenüber stehen. Es ist nicht einfach, trotzdem zu versuchen, eine solche Perspektive zu entwickeln. Die erste Frage, die sich dabei stellt, ist: wie weit muß der Konsum zurückgehen? Es hat uns ein halbes Jahr gekostet, hierauf eine Antwort zu finden. Wir konnten eigentlich keine andere Lösung finden als die, dass wir unseren Konsum so weit reduzieren, dass andere auf dieser Welt das gleiche Konsumniveau erreichen können, und wir zugleich mit dem globalen Gesamtkonsum innerhalb der ökologischen Grenzen der Erde bleiben.

Der Umweltraum als politischer Begriff der Gleichheit
Dazu haben wir den Begriff Umweltraum verwendet. (Ursprünglich kommt dieser Begriff übrigens aus Deutschland, er wurde von Hans Opschoor an der Freien Universität Berlin geprägt. Aber das weiß in Deutschland kaum jemand.) Opschoor hat den Begriff Umweltraum entwickelt, um nachzurechnen, wieviel Raum es für den globalen Konsum gibt. Wir haben diesen Begriff in unsere politische Strategie übernommen. Ein Umweltraum entspricht ungefähr der totalen Menge natürlicher Ressourcen, die wir nutzen können und der Verschmutzung, die wir uns leisten können, ohne die Möglichkeit der zukünftigen Generationen auf eine gleiche Menge von natürlichen Ressourcen zu zerstören. Der zur Verfügung stehende Umweltraum ist somit grundsätzlich quantifizierbar. Auf manchen Gebieten muß er auf einer globalen Ebene kalkuliert werden, wie zum Beispiel beim CO²-Ausstoß; manchmal auch auf einer lokalen oder regionalen Ebene, wie zum Beispiel in bezug auf die Süßwasservorräte. Aus diesem Konzept "Umweltraum und Gleichheit" haben wir die Gedanken innerhalb des Aktionsplanes 'Sustainable Netherlands' entwickelt. Dieser Aktionsplan besteht aus drei Denkschritten: Den ersten habe ich genannt: es gibt einen beschränkten globalen Umweltraum. Daraus läßt sich folgern, dass Nachhaltigkeit bedeutet, dass Produktion und Konsum eines jeden Staates innerhalb der Grenzen seines Anteils am globalen Umweltraum bleiben. Denn man muss das Prinzip der Gleichheit in Rechnung stellen, das heißt, dass auch Entwicklungsländer das Recht haben, einen gleichen Teil der Umwelt nutzen zu können wie wir in den Industriestaaten. Es gibt keine andere Logik und auch keine andere Rationalität. Die Entwicklungsländer haben ebenso viele Rechte auf eine Menge natürlicher Ressourcen, wie wir sie haben. Der zweite Denkschritt ist, dass - Gott sei Dank - die Menge der genutzten natürlichen Ressourcen und die Menge des Konsums nicht gleich sind. Es ist möglich, Konsum weitgehend zu entkoppeln von natürlicher Ressourcennutzung. Daher gibt es auch eine Perspektive. Es ist auf lange Dauer möglich, einen relativ hohen Konsum zu haben und zugleich die Nutzung der natürlichen Ressourcen zu vermindern. Das bringt uns zum dritten Denkschritt. Die Entkoppelung von Konsum und der Nutzung natürlicher Ressourcen ist nur möglich, wenn man einen solchen Umbruch von Nichtnachhaltigkeit zu Nachhaltigkeit langfristig plant. Man muß bedenken, dass die Weltbevölkerung im nächsten Jahrhundert noch immer wächst. Insgesamt muß die Verminderung des Verbrauchs der natürlichen Ressourcen mit einem Faktor von 4 bis 10 zurückgehen. Das kann man nur langfristig lösen, das heißt innerhalb einiger Jahrzehnte, vielleicht in 50 Jahren. Dieser Aktionsplan zu "Sustainable Netherlands" hat zu unserer eigenen Überraschung unglaublich viel positive Resonanz gefunden. Dies liegt wohl daran, dass man in unserem Anliegen nicht ein Alptraumszenario sah, sondern eine Perspektive für den Norden und für den Süden. Es wurde deutlich, dass mit unserem Szenario der Süden imstande ist, sich innerhalb der ökologischen Grenzen weiter entwickeln zu können und sogar einen Lebensstandard erreichen kann, wie der Norden ihn jetzt entwickelt hat, wenn im Norden der Lebensstandard weitgehend entkoppelt wird von der natürlichen Ressourcennutzung. Diese Komplementarität, die das Gleichheitsprinzip inkorporiert, stieß auch im Sinne eines strategischen Modells auf großes Interesse. Das hat unter anderem dazu geführt, dass in vielen Industriestaaten NGOs die Aufgabe übernommen haben, ähnliche Aktionspläne zu erarbeiten "Zukunftsfähiges Deutschland" ist hierfür ein Beispiel. Auch in Staaten wie Norwegen, England, Schottland, Italien, Österreich, der Schweiz, Südkorea, Japan, und in vielen osteuropäischen Ländern, insgesamt in ungefähr 30 Staaten, sind ähnliche Studien erarbeitet worden.

Die Akzeptanz des Gleichheitsprinzips
Die Folge ist - und dies darf man nicht unterschätzen, im Zeitalter des Neoliberalismus ist es eigentlich sogar bemerkenswert -, dass ein Begriff von Gleichheit auf die internationale Agenda gekommen ist. Damit ist eine neue Phase in der Evolution des Gleichheitsbegriffs eingetreten. Im 18. Jahrhundert hat man die bürgerliche Gleichheit entwickelt. Die Sozialisten haben das kritisiert. Im Grunde genommen kann ein neoliberales Prinzip von Gleichheit nicht dafür sorgen, dass Armut verhindert wird. Dafür braucht man ein Prinzip der sozialen Gleichheit und auch einen Sozialstaat. Davon hat es verschiedene Formen gegeben, einen Kommunismus und einen Sozialstaat im Westen. Nun gibt es einen neuen Typ von Gleichheit: die ökologische Gleichheit. Ökologische Gleichheit bedeutet, dass der Konsum im Norden die Menschen in der Dritten Welt nicht daran hindern darf, eine gleiche Entwicklung zu nehmen. Daraus muss jetzt eine neue Politik entwickelt werden. Wahrscheinlich viel wichtiger als die Anerkennung des Gleichheitsprinzips ist die Frage, ob eine Gleichheitspolitik im Norden politisch auch durchsetzbar ist. Es könnte ja durchaus sein, dass jeder das Gleichheitsprinzip akzeptiert. Demnach hätten alle Menschen in China und in Indien im Prinzip das Recht auf einen gleichen Wohlstand, wie wir ihn haben. Das Problem ist nur, dass die Politik im Norden nicht imstande ist, für die Entwicklungsländer den entsprechenden Raum, den Umweltraum, zur Verfügung zu stellen. Damit könnte eine Situation entstehen, wo Gleichheit als Prinzip akzeptiert, aber in der Praxis der Realpolitik als Utopie erkannt wird, mithin als etwas nicht Erreichbares. Dies ist kein Widerspruch, bedauerlicherweise, wie ich sagen muß. Daher stellt sich die Frage, wie wir in den nördlichen Industriestaaten eine Strategie entwickeln können, damit die Mehrheit der Bevölkerung hinter dem Prinzip Nachhaltigkeit steht. Wir leben in einer Demokratie. Das bedeutet, dass man einen Übergang von einer nichtnachhaltigen Situation zu einer nachhaltigen Situation nur schaffen kann, wenn die Mehrheit der Bevölkerung dahinter steht. Ansonsten ist es unmöglich. Ein Faktor von 4-bis 10facher Verminderung des Ressourcenverbrauchs bedeutet einen totalen gesellschaftlichen Umbruch. Dafür braucht man eine Mehrheitsstrategie, und zwar nicht im Sinne von 50 oder 51 Prozent Zustimmung, sondern mit einer sehr viel breiteren Unterstützung. Wie kann man also eine Nachhaltigkeitsstrategie entwickeln, die politisch durchsetzbar ist?

Probleme einer Nachhaltigkeitsstrategie
In den reichen Industriestaaten herrscht die Meinung vor, dass eine Reduzierung der natürlichen Ressourcen vor allem durch eine Politik erreicht werden muss, die die Ressourcenknappheit in den Preis internalisiert ('getting prices right', heißt es in der OECD-Sprache). Die Frage ist natürlich, ob es in der Tat möglich ist, auf diesem Wege Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Vergleicht man die Reaktionen von privaten Haushalten und der Industrie auf Preiserhöhungen in Europa, so zeigt sich, dass durchschnittlich noch 10 Prozent der Energienutzung im Industriebereich kosteneffektiv gespart werden können; im Bereich der privaten Haushalten sind es dagegen ungefähr 50 Prozent. Die Frage ist, warum dieser Unterschied so groß ist, und warum die Industrie rationeller auf Preiserhöhungen als Haushalte reagiert. Hierfür gibt es im wesentlichen vier Gründe: Der erste Grund ist, dass die Menschen dieses Potential nicht kennen. Dieses Problem ist einerseits mit Hilfe von Bildungs- und Informationsprogrammen leicht zu lösen; andererseits weiß jeder, der dies schon einmal versucht hat, welch Riesenaufgabe da vor uns liegt. Der zweite Grund liegt darin, dass die Menschen das Potential möglicherweise kennen, aber Investitionen in Effizienz nicht attraktiv finden. Die Isolierung eines Hauses kostet zum Beispiel ungefähr 10.000 DM. Wenn man so viel Geld zur Verfügung hat, kann man auch entscheiden, sich hierfür etwas Schönes zu kaufen, einen Urlaub zu machen oder an die Börse zu gehen, um noch mehr zu verdienen. Ein Haus isolieren, das hat demgegenüber keinen Charme, das ist das letzte, woran man denkt. Es gehört nicht zu den Prioritäten der Menschen. Ein Urlaub ist reizvoller, selbst an die Börse zu gehen, macht mehr Spaß. Der dritte Grund ist viel fundamentaler. Die Akteure, die betroffen sind, sind nicht notwendigerweise auch die Akteure, die dafür sorgen müssen, damit Effizienz-Investitionen unternommen werden und damit Preiserhöhungen neutralisiert werden können. Ein Beispiel bietet das Problem der Wärmeisolierung von Wohnungen. In den Niederlanden wohnt ungefähr die Hälfte der Bevölkerung in Mietshäusern. Für die Isolierung der Häuser sind die Hausbesitzer verantwortlich. Die Kosten für mangelnde Isolierung werden jedoch von den Mietern getragen. Den Hausbesitzern fehlt somit der ökonomische Anreiz, um in Wärmeisolierung zu investieren. Hier gibt es offensichtlich ein Dilemma. Ökonomische Instrumente sind offenbar nicht immer ausreichend, um den Energieverbrauch der privaten Haushalte zu reduzieren. Der vierte Grund ist ebenfalls fundamental. Ökonomischen Instrumente können Ungleichheit fördern, wie sich wiederum am Beispiel der Wärmeisolierung zeigen läßt. Arme Menschen haben überhaupt keine 10.000 DM zur Verfügung, um solch eine Investition zu tätigen. Dementsprechend haben sie auch keine Möglichkeit, ihre Energiekosten durch Wärmeisolierung zu reduzieren und sind den steigenden Energiepreisen hilflos ausgeliefert. Dies widerspricht dem Nachhaltigkeitskonzept, das versucht, Gleichheit zu fördern, und zwar auch innerhalb der Industriestaaten. Zusammenfassen kann man sagen, dass die Kombination dieser vier Gründe dazu führt, dass die Wende zur Nachhaltigkeit im Bereich der privaten Haushalte viel schwieriger zu bewerkstelligen ist als im Industriebereich. Ich könnte auch andere Beispiele nennen, so gibt es etwa im Verkehrsbereich ähnliche Dilemmata. Damit ist auch die politische Gefahr beschrieben, die darin besteht, dass die Menschen Nachhaltigkeit in der Praxis als eine Politik erfahren, die nach dem Motto geht: "wir können weniger nutzen und wir müssen mehr bezahlen". Die Spanne zwischen Umweltbedürfnissen und sozialen Bedürfnissen vergrößert sich. In der Folge wenden sich die Menschen zunehmend von der Umweltpolitik ab. Daraus entsteht eine neue Aufgabe für die Umweltbewegung. Seit den 70er Jahren hat die Umweltbewegung versucht, ökologische und soziale Fragen miteinander zu verknüpfen. Die Anti-Atomkraft-Bewegung war ein Kampf gegen Radioaktivität. Da gab es keine Spannung zwischen ökologischen und sozialen Fragen. Das gleiche gilt für den Kampf gegen Verschmutzung, gegen Verkehrslärm, usw. Das Ziel bestand immer in der Erhöhung der Lebensqualität. Der Einsatz für die Verminderung des Verbrauchs natürlicher Ressourcen zielt jedoch oftmals in die umgekehrte Richtung. Das ist gefährlich. Wenn Umweltgruppen gezwungen werden, solch eine Politik zu unterstützen, entsteht ein Problem. Meiner Meinung nach ist es nicht möglich, Menschen für eine Politik des geringeren Konsums bei höheren Preisen zu mobilisieren. Eigentlich hat es noch niemals auf der Welt eine soziale Bewegung gegeben, die auf die Straße gegangen ist für das Motto: "Wir wollen weniger und höhere Preise!" Nun kann man argumentieren, dass diese Spannung der Preis ist für den Erhalt der globalen Umwelt und die Gleichheit in der Welt. Die Folge einer solchen Argumentation wird allerdings sein, dass Menschen diese Umweltpolitik und in der Konsequenz ebenso das Gleichheitsprinzip, auch im Nord-Süd-Verhältnis, ablehnen. Dies ist die reale Gefahr, vor der wir stehen. Überall in Europa kommen rechte, populistische Parteien auf, die sich gegen die Globalisierung wenden und "das eigene Volk zuerst" als Botschaft verkünden. Das hat nichts mit dem Faschismus in den 30er Jahren zu tun. Dies ist eine Reaktion auf vermeintliche Bedrohungen durch die Globalisierung, etwa die Immigration der Armen aus dem Süden. Es läßt sich leicht vorstellen, dass sich dieser Rechts-Populismus auch gegen eine globale Umweltpolitik wenden kann, die sich gegen das "Primat des eigenen Volkes" richtet. Es wird deutlich, dass die Globalisierungskritik im Augenblick primär eine rechte Kritik und keine linke Kritik ist. Was dringend fehlt, ist eine linke Globalisierungskritik, die auch Menschen mobilisieren kann.

Ausgangspunkt der Nachhaltigkeit müssen die Bedürfnisse der Menschen sein
Ich komme zu der Frage, ob die Menschen überhaupt für die Durchsetzung des Gleichheitsprinzips mobilisiert werden können. Die Antwort ist, ja und nein. Nein, wenn man Reduktionszielen weiterhin höhere Preise voranstellt. Darin besteht auch die Schwäche des Aktionsplans "Sustainable Netherlands" und wahrscheinlich auch der Studie "Zukunftsfähigen Deutschland". Konzeptionell war das sicher wichtig, so etwas zu entwickeln, aber für eine politische Strategie ist es zu schwach. Wir benötigen neue Ansatzpunkte. Meiner Meinung nach kann eine Nachhaltigkeitsstrategie nur dann erfolgreich sein, wenn sie die Bedürfnisse der Menschen zum Ausgangspunkt nimmt. Dies ist übrigens Kennzeichen aller sozialen Bewegungen, ohne dies kann es überhaupt keine soziale Bewegung geben. Was bedeutet dann Nachhaltigkeit? Ich bin der Meinung, dass die meisten Menschen in den Niederlanden wie auch in Deutschland daran interessiert sind, ihr hohes Konsumniveau langfristig behalten zu können. Das ist unser primäres Interesse. Unser Interesse ist dagegen nicht eine große Abhängigkeit von natürlichen Ressourcen. Vielmehr bedroht eine sehr hohe Abhängigkeit von natürlichen Ressourcen langfristig unseren Konsum. Deshalb ist es in unserem Interesse, diese hohe Abhängigkeit zu bekämpfen. Mit dieser Perspektive können meines Erachtens Menschen mobilisiert werden. Was wir benötigen, ist ein Übergang von einem High-Input-High-Output-Konsum zu einem Low-Input-High-Output-Konsum. Wenn wir das nicht leisten können, können wir unser hohes Konsumniveau nicht halten. Denn die Ressourcen sind knapp, und die Ansprüche der Menschen in der Dritten Welt verknappen die Ressourcen weiter, womit sich die Preise erhöhen, etc. Gegen die Ansprüche aus der Dritten Welt kann man sich vielleicht wehren, aber sie werden dadurch nicht weggewischt. Sinnvoller ist in jedem Falle, die Abhängigkeit des Konsums vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln. Dies liegt besonders im Interesse der Armen, die zuerst von dieser zu hohen Abhängigkeit betroffen sein werden. Ressourcenknappheit kann zur Folge haben, dass Menschen ihre Energierechnung nicht mehr bezahlen können. Deshalb brauchen wir eine Politik, die unabhängiger macht von natürlichen Ressourcen. Wie kann eine solche Politik aussehen? Im Grunde geht es um die Aufgabe, wie Produktion und Konsum so reorganisiert werden können, dass mit einem Minimum an natürlichen Ressourcen ein Maximum von Konsum erreicht werden kann. Dies ist eine ökologische und gleichzeitig eine soziale Aufgabe. Ich möchte meine Gedanken hierzu an einem Beispiel aus den Niederlanden, wiederum aus dem Bereich Wohnen, verdeutlichen. Wie wäre es möglich, Menschen dafür zu gewinnen, den Energieverbrauch für Wohnraumheizung deutlich zu reduzieren? Das Potential hierfür wäre vorhanden, da ungefähr 40 bis 50 Prozent aller Wohnungen kosteneffektiv isoliert werden könnten. Die Frage ist, ob es einen Weg aus dem oben beschriebenen Dilemma gibt. Unser Lösungsvorschlag besteht darin, die Kosten für die Wohnraumisolierung vorzufinanzieren, so dass die Energierechnung für den Nutzer nicht steigt. Im Moment bezieht sich die Energierechnung auf den Verbrauch fossiler Brennstoffe. Bei Vorfinanzierung einer Wärmeisolierung reduzieren sich für den Abnehmer die Kosten für verbrauchte Energie. Bei gleich bleibenden Ausgaben zahlt der Abnehmer nach der Isolierung etwa 60 Prozent für verbrauchte Energie, mit 40 Prozent refinanziert er die Kosten für die Wärmeisolation. Damit wäre ein weiterer Schritt in Richtung Unabhängigkeit von natürlichen Ressourcen getan. Im Augenblick haben wir dieses Modell dem niederländischen Wohnungsbauministerium vorgelegt. Dort wurde der Vorschlag sehr positiv aufgenommen. Interessant ist auch, dass gerade die sozial engagierten Gruppen für unseren Vorschlag eintreten. Es sind nicht mehr nur die Umweltgruppen. Dies macht deutlich, dass die Reduktion des Ressourcenverbrauchs längst nicht mehr als nur eine ökologische, sondern inzwischen auch als eine soziale Frage gesehen wird. Zum ersten Mal in der Geschichte sehen wir, dass Friends of the Earth Niederlande auch mit Immigrantengruppen und anderen sozialen Gruppen aus Großstädten zusammenarbeitet. Man benötigt also auch ökonomische Instrumente, um den Übergang von Nichtnachhaltigkeit zu Nachhaltigkeit zu bewerkstelligen. Aber diese ökonomischen Instrumente müssen im Interesse der direkt betroffenen Menschen liegen. Die Perspektive heißt, dass die Verminderung der Abhängigkeit von natürlichen Ressourcen bei gleichem Lebensstandard mindestens um einen Faktor 4 erfolgen muß. Ansonsten ist auch eine Erhöhung unseres Lebensstandards auf lange Sicht ausgeschlossen. So lassen sich auch sozial engagierte Organisationen für die Nachhaltigkeit gewinnen. Diese Sichtweise gewinnt auch international an Gewicht. Als ich in diesem Jahr in New York bei der Tagung der CSD (UN-Komitee für Zukunftsfähige Entwicklung) war, habe ich mich gefreut zu sehen, dass die skandinavischen Regierungen in eine ähnliche Richtung denken. Der skandinavische Ministerrat hat vereinbart, Strategien zu entwickeln, um die natürliche Ressourcennutzung mit einem Faktor 4 bis 10 relativ zu entkoppeln. Die norwegische Regierung war für den Bereich Wohnen zuständig, Schweden für Lebensmittel, Dänemark für Verkehr und Finnland für Holzprodukte.

Nachhaltigkeit als eine entwicklungspolitische Herausforderung
Diese Strategie von einem High-Input-High-Output-Konsum zu einem Low-Input-High-Output-Konsum ist auch für den Nord-Süd-Dialog von Bedeutung, denn im Süden ist eigentlich eine ähnliche Strategie notwendig. Dort muß auf lange Sicht ebenfalls der Konsum von natürlicher Ressourcennutzung entkoppelt werden. Selbstverständlich ist die Ausgangssituation unterschiedlich. Im Süden muß man von einem Low-Input-Low-Output- zu einem Low-Input-High-Output-Konsum kommen. Das Ziel ist gleich, die Ausgangssituation ist unterschiedlich. Dennoch geht es auch hier um Entkopplung von Konsum und natürlicher Ressourcennutzung. Ich habe manche Erfahrungen mit Friends of the Earth Ghana, die auf dieser Grundlage jetzt einen Aktionsplan entwerfen. Und es ist bemerkenswert, was möglich ist. Eines unserer Ziele war, dass die Nahrungsmittelversorung verbessert wird, ohne den Input von Land, Energie, Pestiziden usw. zu erhöhen. Ghana ist ein großer Kakaoexporteur. Kakao wird in Ghana fast ausschließlich von Kleinbauern produziert. Die heutige Form der Kakaoproduktion ist wenig nachhaltig, die Flächen sind von Verwüstung bedroht. Arme Menschen können sich einen hohen Input nicht leisten, aber sie streben dennoch einen hohen Output an. Zusammen mit Agrarwissenschaftlern aus Ghana haben wir festgestellt, dass es möglich ist, in der Landwirtschaft eine drohende Verwüstung zu verhindern und zugleich den Ertrag pro Hektar um das Dreifache zu erhöhen. Dies trifft insbesondere auch für den Anbau solcher Agrarprodukte (wie Cassave, Yam) zu, die wesentlich zur Ernährung der ghanaischen Bevölkerung beitragen. Unser Ziel war, die Kakaoproduktion nachhaltiger zu gestalten und zugleich die Produktivität um einen Faktor 2 bis 3 erhöhen. Das heißt, weniger Fläche zu benötigen, um die gleiche Menge exportieren zu können. Die Kleinbauern verdienen folglich nicht weniger Geld, haben aber mehr Land übrig für die eigene Lebensmittelversorgung. Der Vorschlag von Friends of the Earth Ghana geht sogar so weit sogar, den Export zu erhöhen und dennoch noch mehr Fläche für die Selbstversorgung frei zu machen. Dies ist möglich, denn Ghana exportiert neben Kakao auch Gold. Die ökologischen Folgen der Goldgewinnung kosten jährlich circa 25.000 Hektar bebaubares Ackerland. Das hat wenig mit Nachhaltigkeit zu tun, man kann sich fragen, wie lange man sich das leisten kann. Über einen Zeitraum von 20 Jahren beträgt der Landverlust bereits 500.000 Hektar. Kann ein Land wie Ghana es sich leisten, so viel Land zu verlieren? Das ist die Umweltraumfrage, die man in Ghana lösen muß.

Nachhaltigkeit als internationale Strategie
Natürlich drängt sich ein Vergleich auf von Wegen zur Nachhaltigkeit in Nord und Süd. Die Frage ist: können wir voneinander lernen? Das bezweifle ich, weil die Ausgangspunkte so unterschiedlich sind zwischen Norden und Süden, was den Austausch von Erfahrungen schwierig macht. Meiner Meinung nach ist es wichtiger, dass wir miteinander diskutieren, wie notwendig Nachhaltigkeitsstrategien in Nord und Süd sind. Dadurch können wir dazu beitragen, die Frage zu lösen, wie wir im nächsten Jahrhundert die Aufgabe erfüllen können, innerhalb der Grenzen der Erde die Bedürfnisse der Weltbevölkerung zu befriedigen, die wahrscheinlich auf 10 Milliarden Menschen wächst. Diese Verständigung ist selbstverständlich nur dann möglich, wenn es Strategien im Norden und im Süden gibt, die komplementär sind. Dafür braucht man gegenseitige Unterstützung. Und hierin liegt wahrscheinlich die wichtigste Aufgabe für die internationale Debatte. Das bringt mich zur Ebene der internationalen Organisationen. Im Augenblick spielt die OECD die wichtigste Rolle. Die OECD hat beschlossen, auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit "key organisation" zu werden. Dazu ist eine Arbeitsgruppe eingerichtet mit Experten aus den Umwelt-, den Sozial- und Wirtschaftsabteilungen innerhalb der OECD. Die OECD hat auch Regierungen von Entwicklungsländern eingeladen, um mitzudenken, insbesondere die Big Five, das sind Indonesien, Indien, China, Rußland und Brasilien. Zusammen, so heißt es, ist damit die Mehrheit der Menschen dieser Welt an einem Tisch. Das ist natürlich keine Garantie für Demokratie, aber trotzdem ist es wichtig, diese Regierungen einzubeziehen. Sie kommen mit einem Arbeitsprogramm, das interessant ist, weil es in die Richtung des Gleichheitsprinzips geht, aber zugleich sagt: wir wollen eine Integration von ökonomischen, sozialen und ökologischen Aspekten der Nachhaltigkeit, aber bei uns stehen die ökonomischen Aspekte an vorderster Stelle. Ich komme zum Schluß. Meine Angst ist, daß eine Politik, die nicht anerkennt, dass Globalisierung nicht nur zu mehr Wohlstand in der Welt führt, sondern auch zu mehr Ungleichheiten, in der Gefahr steht, Ungleichheit zu verstärken. Denn Globalisierung, verknüpft mit der Kategorie der Knappheit, kann wirtschaftliche Instrumente entwickeln, die neue Ungleichheiten ergeben, so daß die Armen überhaupt nicht imstande sind, den geforderten Marktpreis zu zahlen. Die Stichworte sind dann Energiearmut, Süßwasserarmut, usw. Hier liegt eine große Gefahr. Es ist notwendig zu sagen, dass das Programm der Globalisierung nur gelingen kann, wenn es eine sozial-ökologische Basis hat. Dann kann man über ökonomische Instrumente nachdenken, sonst nicht. Denn ansonsten werden die Menschen im Norden und im Süden sich gegen diese ökonomischen Instrumente zur Wehr setzen. Nachhaltigkeit hat auch nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn sie sich auf ein Mehrheitsinteresse der Bevölkerung im Norden und im Süden stützt. Und das ist eben nur möglich, wenn diese Nachhaltigkeit über eine ökologisch-soziale Basis verfügt. Vielen Dank.