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Energie vom Chef selbst

Kleine Beobachtungen zum Weltklimagipfel in Bonn

 

in: Forum zu Umweltfragen. Düsseldorf 3/2001, S. 12

 

Das Plakat:

Juli 2001. An den Magistralen Richtung Bad Godesberg fallen große Plakate ins Auge, an Alleebäumen befestigt  und auf Litfaßsäulen geklebt. Eine junge Frau in der Tracht einer Diakonisse oder Ordensfrau schaut selbstbewußt mit kräftig  vom Winde durchwehter  Haube und funkelnder Sonnenbrille die Passanten an. Lädt sie zum Flirt? Ihre Botschaft steht klar auf dem Plakat: „Sonne & Wind. Energie vom Chef selbst.“ Sie klingt auf Englisch noch schöner: Sun & Wind. Energies Straight from the Boss Himself“. Überrascht fragt sich der Passant: Welche christliche Gemeinschaft lädt da so offen zum Bekehrungsabend ins Zelt? Oder: Werben die Kirchlichen Umweltbeauftragten für ihre Arbeit? Erst beim nähertreten entschlüsselt sich das attraktive Rätsel. Die kirchliche Umweltarbeit wirbt nicht selbst, aber: sie läßt werben.

Das Plakat plazierte in mehreren hundert Exemplaren eine säkulare Missionsgesellschaft um das Tagungszentrum  der Bonner Weltklimakonferenz. (s. a. Beitrag von Dr. Ulrich Denkhaus S....) die Initiative „e-mission 55 – business für climate“. Inzwischen über 130 große und größte Unternehmen  treten aktiv für Klimaschutz ein und fordern von den Politikern die Unterzeichnung und Umsetzung des Kyoto-Protokolls. Mit der Zahl 55 dokumentieren sie: Aus Verantwortung und wirtschaftlichem Kalkül ist dem Kyoto-Protokoll auch ohne die USA, allein durch die Unterschrift von 55 Staaten Geltung zu verschaffen. Sie plakatieren: Es läßt sich aus Abgas, Strahlung, Abfall (emission) ein Auftrag und eine Sendung, eine Botschaft machen: Nutzt Sonne und Wind: die Energie vom Chef höchstpersönlich. In Deutschland verbreiten die Nord-Süd-Initiative GermanWatch (Tel.: 0228-60492-0) und die Solarworld AG aus Bonn diese Initiative (Plakatidee Kreativkonzept/Bonn). Die Plakatmacher waren gegen das „CO2-Tonnen“-Gerede und den grauen Asche-Flair der Klimaschutzdiskussion. Diese könne und wolle kein normaler, aber auch kein gutwilliger Mensch mehr verstehen. „Wir wollten weg von dem Techniker-Image und den Minus-Prozenten  hin zur Botschaft, daß alle Energie schon da ist. Das Angebot ist bereits gemacht, vom Chef selbst.“ sagt Klaus Schmuck von Kreativkonzept. Die Plakatidee gab es schon drei Jahre aber langer wollte es keiner haben. Bis „business for climate“ zuschlug. Inzwischen haben die Plakate in Bonn Sammlerwert. Wie lange Zeit nicht mehr, wird „Kirche“ in der Werbung als Träger einer positiven Botschaft verwendet und nicht blasphemisch zitiert.

Übrigens: Der Vorsitzende des Rates der EKD und Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland unterstützt die Aktion ausdrücklich.

 

Der spannende Montag:

Nach dem durchtagten und übernächtigten Wochenende vom 21. und 22. Juli stand am Montag, dem 23. mehr auf dem Spiel und lag mehr auf dem grünen Tisch des diplomatischen Rouletts als nur „einfacher Klimaschutz“.

Diese Spannung war in Bonn überall zu spüren. Selbst über die Medien teilte sich die Entscheidungssituation mit. Es ging nicht nur um einige Prozente CO2-Reduzierung.

Auf dem Tisch, auf dem die Kugel lang und langsamer in der Schale des Verhandlungs- Rouletts lief, lagen verschieden hohe Einsätze. Es wurde hoch gepokert.

Auf welche Zahl fällt die Kugel? Auf Zahlen mit den Feldern der USA, die ihren Einsatz zurückgenommen und abgeräumt hatten und lieber Spielverderber sein wollten? Oder auf Felder mit einem möglichst sachgemäßen Anteil an rot und schwarz, damit ein Ausgleich zwischen Nord und Süd nicht ganz unmöglich wird? Und: reichte die Kraft der Kompromisse doch bis zum Einsatz der 55 Staaten einschließlich der zögerlichen Staaten Japan, Rußland, Australien und Canada?  Geht das Spiel weiter oder muß die Bank geschlossen werden?

Auf den Flächen für den Einsatz lagen u. a.:

-                     Der „Schwur von Rio 92“: Umwelt und Entwicklung“, d.h. Industriestaaten und Entwicklungsländer – bei allen Unterschieden, - sehen sich wenigstens teilweise als Interessen- und Verpflichtungsgemeinschaft an;

-                     Die Fähigkeit der Politik klare wissenschaftliche Erkenntnisse in verbindliche Absprachen umsetzen zu können. Es ging um nicht viel weniger als um die Rolle und Funktion der Vernunft.

-                     Die Frage, ob die Europäische Union (EU) eine Gestaltungskraft von weltweiter Bedeutung und Akzeptanz gegen das NEIN aus den USA besitzt;

-                     Ein Einstieg in ein verändertes Verständnis von internationaler Industrie- und Wirtschaftspolitik;

-                     positive Erfahrungen teilweise gemeinsamen Ringens und Gestaltens von Nichtregierungsorganisationen und Regierungsvertretern, vor allem in der EU.

 

Am Wochenenden vom 21. zum 22. Juli waren viele Minister in Bonn. Die Verhandlungen zogen sich hin. Sie reichten bis nach Mitternacht. Konferenzpräsident Pronk/Niederlande

wollte mit Einzelgesprächen die Kugel bis zur rechten Zahl bewegen. Müdigkeit machte sich breit, Resignation auch. Bonn der Ort der Debatte wurde zum Vorort von Genua, dem Weltgipfel der G8. Da sollte entschieden werden. Da wurde demonstriert und geschossen. In Genua die Großdemo; als NGO-Beitrag in Bonn Kleingruppengespräche mit Delegierten in der Lobby vom Maritim-Hotel. Verschiedene Arbeitsformen und Arbeitsbedingungen.

Sonntag spät abends wächst das Gerücht, es gibt keinen Kompromiß. Das Scheitern droht: Doch noch Hoffnung, es wird weiter verhandelt. Um 4.30 Uhr (am Montag morgen!) soll es eine Plenarsitzung geben. Aber es tut sich nichts bis 9.00 Uhr. Auf den Monitoren bleiben es matt. Keine Anzeichen, daß ein Ende – die Einigung - in Sicht ist. Doch dann plötzlich gegen 10.00 Uhr rauschen die Gänge und die überraschende Kunde: Ein Ergebnis wurde erreicht. Ein positives.

Den Montag Mittag beschreibt Manfred Treber[1]dann so: „Noch bevor COP-Präsident-Pronk am Montag das Ergebnis verkündet hat, bekommt er stehende Ovationen, als er in den Plenarsaal eintritt. Gestandene Männer, die normalerweise mit diplomatischer Reserviertheit auftreten, fallen sich reihenweise um den Hals. Nachdem Pronk offiziell dargestellt hat, dass man zu einer Übereinkunft kam und dass sie nicht allein ein großer Fortschritt für den Klimaschutz sein, sondern auch gezeigt werden konnte, dass multilaterale Abkommen funktionieren, geben die Sprecher der einzelnen Ländergruppen, einer nach dem anderen, ihre Bewertungen kund:

Iran (für die G 77 und China) mißt dem Übereinkommen, ebenso wie Belgien für die EU, eine historische Bedeutung bei. Belgien liest zudem noch eine politische Erklärung vor mit dem Inhalt, dass zusätzliche Finanzmittel für Entwicklungsländer bereitgestellt würden. Marokko („ein Tag der Freude“), Australien für die Umbrella-Gruppe sowie China, Japan und Bulgarien schließen sich an. ...Jeder Beitrag wird am Ende mit anhaltendem Applaus belohnt. Nur als Paula Dobrianski für die USA spricht und meint: “Präsident Bush nähme den Klimaschutz „sehr ernst“, ertönen – das ist auf dem UN-Parkett sehr unüblich –Buh-Rufe, weil kaum einer glaubt, dass die gegenwärtige US-Administration meint, was sie sagt.“

 

Wellen dieser Stimmung lassen sich noch Stunden später im Maritim und im NGO- und Presse-Lager im Justizministerium spüren. Erschöpfte aber glückliche Delegierte und Beobachter stehen mit halbleeren oder halbvollen Sektgläsern (je nach Analyse) an die Wände gelehnt, unterhalten sich. Bewerten die Ergebnisse, schauen ins  Glas oder an die weiße Wand. Schulterklopfen allerorten. Die Engagierten und Fachleute vermitteln den Eindruck von Müdigkeit nach schwerer, kurz vor dem Gewitter schnell noch eingebrachter Ernte. Die Kugel auf dem grünen Klimafilz des Diplomatentisches landete nicht auf der Zahl des leeren Feldes und abgeräumten Einsatzes.

Dem Jubel der Erleichterung über den Gewinn folgte aber schon  wenige Stunden später die Debatte über den Wert des Gewinns und die Höhe des Einsatzes.

Als die jugendlichen Aktivisten von Greenpeace in ihren Pinguin-Kostümen im grauen Regen vor den Absperrungen in Rufweite zur Polizei noch Handzettel an die Delegierten verteilten, bauten die erste Fernsehteams bereits ab und räumten ihre Studios aus.

Die Berichte waren im Kasten. Der Ort Bonn wurde zum Bonnus für die kommenden Klimaschußmaßnahmen, sagte später einer im TV. Schauen wir mal, ob der auch anhält.

 

Hans-Joachim Döring

 



[1] Germanwatch-COP 6B Kurzberichte