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Rez.: Zur Biographie des Gründers der Aktionsgemeinschaft für die Hungernden (AfH) und der Aktion Sühnezeichen von Konrad Weiß, Briefe zur Orientierung im Konflikt Mensch - Erde, Wittenberg, Heft 48 (KFH), S. 33-37. 1998
Zur rechten Zeit erscheint ein mir wichtiges und wertvolles Buch: "Lothar Kreyssig - Prophet der Versöhnung" von Konrad Weiß" im Bleicher-Verlag.
Zur rechten Zeit, weil sich am 30. Oktober dieses Jahres der 100. Geburtstag von Präses Dr. Kreyssig oder "dem Alten", wie ihn seine Mitarbeiter vor allem bei Sühnezeichen nannten, jährt, weil auch in diesem Jahr die "Aktion Sühnezeichen" 40 Jahre besteht und die Gründung der Evangelischen Akademie der Kirchenprovinz Sachsen in Wittenberg im Dezember zum 50. Mal begangen werden kann. An ihrer Gründung war Kreyssig maßgeblich beteiligt. Wichtig ist mir das Buch auch deshalb, weil es einen weithin in der kirchlichen Öffentlichkeit vergessenen Ostdeutschen wieder in Erinnerung ruft und ihn erstmals umfassend vorstellt. Wir hatten und haben nicht viele prägende Persönlichkeiten, deren Arbeit und Ideen in der inzwischen mehrfach gewandelten Gesellschaft bundesweit fortgeführt werden und deren Lebensschwerpunkte in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Berlin-Brandenburg lagen. (Auffällig ist das vergleichsweise intensive "Nichterinnern" an Lothar Kreyssig in allen drei Landeskirchen und in der jüngsten Kirchengeschichte. Es ist nach den Motiven zu fragen. Immerhin war er Präses, also Vorsitzender von Bekenntnissynoden, den nicht gleichgeschalteten Kirchenparlamenten.) Regelrecht spannend ist das Buch zu lesen. Es verwebt behutsam und gleichzeitig mit dem Blick für das wichtige Detail eine Vielzahl von persönlichen Zeugnissen aus Kreyssigs Leben und Überlieferungen des politischen Alltags und beschreibt plastisch seinen Werdegang vom konservativen Juristen zum prophetisch in der Kirche agierenden Mitgestalter. Dieser Lebensweg umspannt immerhin Kaiserreich, die Weimarer Republik, das "Tausendjährige Reich", Nachkriegsdeutschland, die DDR und einige Jahr in der BRD. Man spürt, daß der Autor langjährigen Dokumentarfilmer war. Ich empfinde dies als Gewinn.
Konrad Weiß ist ein persönliches und gleichzeitig weitgehend objektives Buch über Lothar Kreyssig gelungen und über Zeitabschnitte, in der die Großeltern der meisten Leserinnen und Leser zu leben und zu entscheiden hatten, sich arrangierten, engagierten und sich anpaßten. Die Biographie gewinnt sehr durch das Einbeziehen der Gespräche von Wegbegleitern Kreyssigs, unter ihnen Helmut Gollwitzer und Kurt Scharf.
In den 18 Kapiteln fächern sich um die Person Lothar Kreyssigs fast 9 Jahrzehnte deutscher (Kirchen-) Geschichte auf. Einige wichtige Stationen sollen hier genannt werden.
Kreyssig wurde im sächsischen Vorerzgebirgsort Flöha in der Familie eines wohlhabenden Mühlenbesitzers am 30. Oktober 1898 geboren, wuchs versorgt, wohl auch behütet auf und studierte standesgemäß in Leipzig Jura. Zeitweise präsidiert er in einer konservativen schlagenden Burschenschaft. 1924 heiraten Johanna Charlotte Lederer und Lothar Kreyssig. Der Ehe entstammen drei Söhne. Die Hinweise auf Hanna Kreyssig, die es an der Seite des immer vorwärtsdrängenden Kreyssig nicht leicht zu haben schien, gehören für mich zu den besonders schönen Stellen des Buches. Es ist immer noch nicht selbstverständlich, daß die Partner in Biographien angemessen berücksichtigt werden.
Kreyssig wird Rechtsanwalt und später Untersuchungsrichter am Landgericht in Chemnitz. Ohne ausgeprägte christliche Bindungen aufgewachsen, entdeckt er 1928 das "lebenschaffende Wort" der Bibel, welches ihm ein Leben lang Orientierung geben wird. Suchender, der er war, beschäftigt er sich in dieser Zeit auch mit "biologisch-dynamischer Landwirtschaft" und beginnt mit praktischen Versuchen. Kreyssig entdeckt die "soziale Frage" inmitten der Weltwirtschaftskrise. Er ruft 1931 unter den Wohlhabenden in Flöha die "Notgemeinschaft für Arbeitslose" ins Leben. Er geht "bittend von Haus zu Haus und Wohnung zu Wohnung" und opfert das gesamte, vom Vater ererbte Barvermögen. Erstmals wird der nun soziale Jurist bei den Behörden auffällig. Bereits im April 1933 soll Kreyssig auf Veranlassung der NSDAP Gauleitung Sachsens in den Ruhestand versetzt werden, weil er keiner nationalsozialistischen Berufsständeorganisation beitreten will. Der erste Versuch einer Amtsenthebung scheitert. Unabhängigkeit und Eigenverantwortung wollte sich Kreyssig durch den Eintritt nicht nehmen lassen. Der Konflikt zeichnete sich frühzeitig ab: Die Frage nach der Aufgabe des Richters war gestellt: Soll der Richter mittels Recht staatliche Macht kontrollieren oder mit Hilfe der Rechtsprechung staatliche Macht stützen und decken, da wo "die Macht" gegen Gesetze verstößt.
In der betont deutschnationalen sächsischen Kirche mit einer nationalsozialistischen Kirchenleitung findet Kreyssig sicher zur Opposition, zur Bekennenden Kirche und wird dort als Jurist hoch geschätzt. An mehreren Bekenntnissynoden nimmt er teil und arbeitet mit führenden Persönlichkeiten der Bekennenden Kirche Deutschlands zusammen.
Die wachsende Verhinderung der unabhängigen richterlichen Befugnisse durch die Nationalsozialisten, der Wunsch nach ökonomischer Ungebundenheit und seine ihm eigenen Neugier und innere Suchbewegung lassen ihn 1937 in Hohenferchesar bei Brandenburg einen heruntergekommenen, über 100 ha großen Bauernhof kaufen. Mit wenigen Arbeitskräften bewirtschaftet er ihn selbst. Er wird Landwirt und versucht die Steinersche biologisch-dynamische Wirtschaftsweise anzuwenden. Er nennt sein Gut am See "Bruderhof". Immer war es seine geheime Sehnsucht, eine Kommunität, eine Wohn- Arbeits- und Lebensgemeinschaft zu gründen. Sie erfüllte sich nicht. Die Arbeit in der Bekennenden Kirche setzt er im berlin-brandenburgischen Provinzialrat fort und wird während des Krieges zum Laienpastor ordiniert.
Im Nebenamt wird er, zur Absicherung des Einkommens für die Familie, Vormundschafts- und Nachlaßrichter beim Amtsgericht in Brandenburg.
Durch seine Arbeit erfährt er (wie andere Richter natürlich auch) von den Ermordungen behinderter oder vergreister Menschen und meldet dies 1940 an den Reichstjustizminister Gürtner. Als zuständiger Vormundschaftsrichter verfügt er für die ihm anvertrauten Menschen ein Verlegungsverbot in die Tötungsanstalten und erstattet Anzeige gegen die Verantwortlichen des Euthanasieprogramms der NS-Reichsregierung. Der Konflikt bricht offen aus. Wie durch ein Wunder kommt es im Fall Kreyssig nur zu einer dienstrechtlichen Beurlaubung, später zum Ruhestand.
Die Bekennende Kirche beteiligt sich an Kreyssigs Einsatz für die den Nationalsozialisten ausgelieferten Behinderten kaum. Die letzen Kriegsjahre erlebt er als Landwirt.
Sein Refugium, der Bruderhof, wird zum Kriegsende durch die russischen Truppen besetzt und durch die Bodenreform teilweise enteignet.
Gleich in Herbst 1945 unterbreitete Bischof Otto Dibelius Kreyssig das Angebot als Konsistorialpräsident der Kirchenprovinz Sachsen nach Magdeburg zu gehen.
Damit begann seine Reisetätigkeit und ein Leben aus Koffern, denn die Familie blieb auf dem Bruderhof wohnen. Als oberster Jurist mußte er die Kirchenverwaltung aufbauen. Schwierigkeiten erwuchsen ihm aus der Pfarrerschaft aber auch aus der staatlichen Verwaltung. Bald wurde er in den Rat der EKD gewählt, war Präses der Synode der Evangelischen Kirche der Union und Beauftragter für die Akademie-Arbeit in Deutschland. Im Präsidium des Kirchentages vertrat er die Ostdeutschen. Er nahm an der Gründung des Weltrates der Kirchen 1948 in Amsterdam teil und besuchte Vollversammlungen des Weltkirchenrates. Seine ökumenische Einstellung war in der damaligen konfessionell geprägten Zeit nicht unumstritten.
Schon 1954 führte er Gespräche zu Projekten der weltweiten "ökumenischen Diakonie" um den Hunger auf der Erde zu bekämpfen. 1957 rief er zur "Aktionsgemeinschaft für die Hungernden (AfH)" auf und gab wichtige Anregungen für die "Aktion Brot für die Welt". Der Wortlaut des über 40-jährigen Aufrufes "Für die Hungernden" zeigt den "Fortschritt" und die "Entwicklung, die unsere Zivilisation seitdem genommen haben, an. Wir argumentieren heute mit vergleichbaren Fakten. Der Aufruf begann so: "Ein Drittel der Menschheit ist unterernährt. 800 Millionen müssen ein ganzes Jahr lang mit dem auskommen, was bei uns für Kleidung und Nahrung gerade für einen Monat ausreicht. 30 bis 40 Millionen Menschen sind jedes Jahr von Hungertod bedroht. Ein Drittel der Erdbevölkerung, darunter im wesentlichen alle Christen, verfügen über 85 Prozent des Welteinkommens, das zweite Drittel über etwa 10 Prozent, das letzte Drittel über etwas 5 Prozent. Daß die ungezählten Millionen, welche kaum eine einzige ausreichende Mahlzeit am Tage haben, zu einen selbständigen, menschenwürdigen Dasein kommen, wird in den nächsten Jahrzehnten Schicksalsfrage eines neuen Weltzeitalters, Weltaufgabe Nummer eins für alle Völker sein."
Neben dem weltweiten Gerechtigkeitsthema in der "Zweidrittel-Welt" war er vor allem um die Versöhnung mit den Juden und den östlichen Nachbarn bemüht. Tätige Sühne als "Bringpflicht" der deutschen Kriegeverursacher und Brandstifter, als Voraussetzung von Versöhnung mit den jüdischen Volk und den Nachbarvölkern, wollte er mit Jugendlichen praktizieren. Nach mehreren Anläufen rief er auf der Spandauer Synode 1958 die "Aktion Sühnezeichen" (ASZ) ins Leben. Ein Friedensdienst begann seinen Weg. In der DDR wurde die unabhängige Friedensarbeit schon bei der Ausrichtung der ersten Sommerlager behindert. Ein Jahr später gründeten der Berliner Philosoph Eugen Rosenstock-Huessy und Lothar Kreyssig den "Weltfriedensdienst". Mit dem Bau der Mauer 1961 mußte Lothar Kreyssig seine Aktivitäten auf die DDR begrenzen.
Gemeinsam mit dem ökologischen Landbau, dem sehr frühen Verständnis für gerechtere Verhältnisse in der Dritten Welt und dem Friedensdienst "Aktion Sühnezeichen" setzte Kreyssig die Trias des Konziliaren Prozesses der ökumenischen Bewegung für "Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung" frühzeitig, prophetisch und durch Taten um. "Gesinnung aber erweist sich durch die Tat" heißt es im Aufruf der AfH. Entwicklungs-, Friedens- und Umweltpolitik sind dafür säkulare Begriffe.
Alle drei Kreyssig-Gründungen: ASZ, WFD und die AfH, in den "Formen" ökumenisches Netzwerk INKOTA und "Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt" (ASW) arbeiten noch heute.
1971 siedelte er als Rentner in die BRD über. In der Berliner Auguststrasse 82, dem Ostberliner Büro der ASZ fehlte seitdem ein anregender Geist. Seine von ihm ins Leben gerufenen Aktionen waren über Jahrzehnte Gemeinschaften, in denen versucht wurde, auf drängende Zeitfragen mit christlichem Engagement zu antworten. Das geschah oft am Rande der Kirche und in durchaus herausfordernder Unabhängigkeit zum Staat ohne dabei permanent provokant sein zu müssen.
Der Fülle dieses gesegneten Lebens angemessen, umfaßt die Biographie 460 Seiten. Neben einem Namenregister sind wichtige Dokumente aus der Arbeit von Lothar Kreyssig angefügt. Diese schöne Ausgabe ist mit Fotografien versehen. So kann sich aus dem Flechtwerk der politischen Zeitdokumente und der persönlichen Zeugen immer wieder überraschend das stille und demütige Gesicht Lothar Kreyssigs hervorheben, um bis zum nächsten unerwarteten Auftauchen in dem Reichtum seiner Kontakte und Aufgaben zu verschwinden.
Konrad Weiß widersteht einer Verherrlichung der Person, zu der ein derartiger Lebensweg durchaus verleiten kann. Er beschreibt auch Widersprüche sowie Konflikte und ordnet sie ein. Er erwähnt menschliche Schwächen, z. B. seine Schwierigkeiten mit praktischen Dingen, die ihn aber immer das scheinbar "nicht Praktizierbare" entwerfen ließen. Lothar Kreyssig verstand es, immer wieder Freunde finden, die beim Umsetzen und Verwirklichen halfen. Weiß berichtet von der späten Einsamkeit im Altersheim nach dem Tod seiner Frau.
Aber: Er konnte auf ein aktives, erfülltes, langes Leben zurückblicken. Kreyssig war schon im 60. Lebensjahr als er seine Aktionen gründete und noch weitere 10 Jahre leitete und prägte. Auch dies ist eine Botschaft der Biographie des "Alten" Dr. Lothar Kreyssig in unserer sparzwangkranken, sich nicht an Lebenspfaden sondern an Jahresscheiben und Vorruheständen orientierenden Zeit: Es kann immer wieder neue, überraschende Lebensabschnitten und Gründerzeiten geben.
Hans-Joachim Döring
Konrad Weiß, "Lothar Kreyssig - Prophet der Versöhnung" Bleicher-Verlag Gerlingen 1998, in der Reihe: "Zeugen der Zeit", 460 Seiten, Preis 58.- DM, ISBN:3-882350-659-1
Weitere Literatur:
Susanne Willems; "Lothar Kreyssig Vom eigenen verantwortlichen Handeln" Eine biographische Studie zum Protest gegen die Euthanasieverbrechen in Nazi-Deutschland.
Berlin, 1995 ISBN: 3-89246-032-9, Bezug über ASZ
Initiative "Lothar-Kreyssig-Friedenspreis 1998" gestartet:
Der
ökumenische Arbeitskreis für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung
und der Ev. Kirchenkreis Magdeburg haben aus Anlaß des 100. Geburtstages von
Lothar Kreyssig die Absicht einen regionalen Friedenspreis zu stiften, der alle
zwei Jahre für "Personen, Gruppen oder Organisationen" vergeben werden soll,
"welche sich in besonderer Weise um Aussöhnung mit Osteuropa und das Verhältnis
zum jüdischen Volk verdient gemacht haben." Der Preis soll mit 5000,- DM dotiert
sein. Diese Mittel werden - bis zur Gründung einer Stiftung - durch Spenden
eingeworben. Spender und Sponsoren werden gesucht. Infos über Ev. Kirchenkreis
Magdeburg Tel. 0391-5410637. Spendenkonto: Ev. Gesamtverband Magdeburg, Konto
Nummer: 31000200, BLZ: 81053272 (Sparkasse Magedeburg) Codierung:
Kreyssig-Friedenspreis