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in: Die Zeichen der Zeit - Lutherische Monatshefte/Berlin-Hannover, 5/99, S. 8 f
Ein Etikett geht um in Europa, jedenfalls in der ökologischen und politologischen Öffentlichkeit, der Zettelaufkleber "Nachhaltigkeit" oder seine mediengängigere Variante "Zukunftsfähigkeit". Beide Begriffe schreiben sich Basisgruppen auf ihre Fahnen und Weltversammlungen der Regierenden. Die UN-Versammlung für "Umwelt und Entwicklung", seinerzeit 1992 in Rio de Janeiro mit 183 teilnehmenden obersten Staatsmännern und Staatsfrauen kürten Nachhaltigkeit zum Schlüsselbegriff der Ära nach dem Ost-West-Konflikt. Nichtregierungsorganistionen, wie der Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND) und das christlich geprägte entwicklungspolitische Hilfswerk Misereor beauftragten die Vordenker des Wuppertal-Institutes für Klima, Umwelt und Energie mit der Erstellung von Großentwürfen . Der Rat der EKD und die Deutsche (katholische) Bischofskonferenz stellten "Nachhaltigkeit" in ihrem gemeinsamen wirtschaftsethischen Wort "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit" von 1997 in eine Reihe mit den fundamentalen Begründungsfiguren und Perspektiven christlichen Handelns, wie "das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe", die "vorrangige Option für die Armen, Schwachen und Benachteiligten" oder "Gerechtigkeit". Katholische Theologen versuchen, das Anliegen der Nachhaltigkeit unter dem Begriff der Vernetzung bzw. dem Fremdwort "Retinität" in die Prinzipienhierarchie ihrer Soziallehre einzuführen. Als vierte Säule soll Nachhaltigkeit neben Personalität, Solidarität und Subsidiarität dem ethischen Handeln zeitgemäßen Halt, Begründung und Motivation geben. Chemische Großkonzerne fahren Werbekampagnen zur Imageaufbesserungen, so "Hoechst nachhaltig!" mit mehrstelligen Millionenbeträgen. Und schon die alte Bundesregierung setzte mehrere Kommissionen zum Thema ein. Fritz Vahrenholz, ehem. SPD-Umweltpolitiker und jetziges Vorstandsmitglied des Erdöl- und Energiemultis "Deutsche Shell-AG" spricht von einem "kollektiven Besserungsgelöbnis".
Was verbirgt sich hinter dem Prinzip Nachhaltigkeit?
Nachhaltigkeit bzw. nachhaltige Entwicklung sind deutsche Übersetzungen der englischen Begriffe "Sustainability" bzw. "Sustainable Development". Die Übersetzung ist schwierig und nicht einheitlich. Die einen übersetzen "sustainable" mit dauerhaft oder tragfähig.
Andere übersetzen es mit "nachhaltig" und borgen sich den Begriff in der Forstwissenschaft. Durchzusetzen scheinen sich "Nachhaltigkeit" und "Zukunftfähigkeit" bzw. ihre Adjektive. Beide Begriffe sind nicht über die Maßen präzis, was vor allem die Naturwissenschaftler ärgert, den Gebrauch aber bei den sogenannten Geisteswissenschaftlern enorm fördert. Zukunftsfähigkeit - als eher medienwirksame Vokabel - hat vor allem durch die schon erwähnte Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" die Begriffshohheit erobert. Keiner wollte von einem "dauerhaften Deutschland" sprechen. Das erzeugte Störassoziationen.
Die klassische Definition findet sich im sogenannten Brundtland-Bericht der UN-Kommission für Umwelt und Entwicklung", benannt nach der durchaus protestantisch geprägten damaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland, die der Kommission vorsaß: "Unter ‚dauerhafter Entwicklung' verstehen wir eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen. Die Forderung, diese Entwicklung dauerhaft zu gestalten, gilt für alle Länder und alle Menschen. Die Möglichkeiten kommender Generationen, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, ist durch Umweltzerstörung ebenso gefährdet wie durch die Unterentwicklung der Dritten Welt." Die UN-Konferenz zu Umwelt und Entwicklung von 1992 mit ihrem Aktionsprogramm AGENDA 21 nahm sich dieser Aufgabenstellung an und hob sie auf die "höchste Ebene" der Regierungschefs. Die neu erkannten Konfliktparteien sind in der Definition benannt: Die gegenwärtige Generation oder Menschheit mit ihren ungelösten Problemen (also hier und heute) sowie die zu erwartenden Bedürfnisse zukünftiger Generationen der Menschheit (also morgen und übermorgen). Der Begriff der nahen und fernen Nächsten bekommt einen neuen Inhalt.
Mit dem Konzept der Nachhaltigkeit oder "Sustrainability" soll die Interessen gegenwärtigen und künftigen Generationen in Einklang gebracht, harmonisiert und nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Nachhaltigkeit ist als Wirtschaftsweise der Forstwirtschaft entlehnt und propagiert einen Holzeinschlag, der dem Wald die eigene Reproduktionskraft erhält. Idealtypisch meint Nachhaltigkeit: Allein mit der Energie der Sonne und den Nährstoffen des Bodens, den Anpassungsfähigkeiten der Pflanzen und der vernünftigen Nutzung bzw. Steuerung des Menschen wächst der Rohstoff Holz im System Wald nach, ohne daß Raubbau und Absturz des Systems geschieht. Deutlich wird, der Hauptfaktor ist der die Kettensäge ein- oder ausschaltende Waldwirt. Kann er der Versuchung der schnellen Mark durch schnellen Einschlag widerstehen? Hat er Reserven, ökonomisch und ethische, auf die er zurückgreifen kann, in den Zeiten verminderten Einschlags, geringerer Erträge und erhöhter Anfechtung? Der Bezug zur Forstwirtschaft trägt zu Ernüchterung bei:
Die Zeitabschnitte der Umstellung auf eine nachhaltige Entwicklung sind lang, sehr lang. Ein bis zwei Generationen. Und: Vor über 100 Jahren wurde das forstliche Nachhaltigkeitsprinzip formuliert und wird seitdem gelehrt. Angewandt wird es in größerem Umfang erst in den letzten zehn Jahren.
Nachhaltigkeit als globales Prinzip beinhaltet im Kern eine Binsenweisheit: Es muß über den momentanen Erfolg hinaus geplant und gedacht werden und die Reproduktionsraten sind zu berücksichtigen. Der Mensch ist nicht der Herr der Natur, auch wenn er sie erst seit kurzem dank technischer Entwicklung beherrscht, sondern er hat Bewahrer und Gärtner zu sein. Das Prinzip Nachhaltigkeit versucht, biblisch interpretiert, den zweigeteilten Schöpfungsauftrag Gottes an den Menschen (1. Buch Mose 2. 15) von der einseitigen Betonung auf Bebauung mit der Interpretation von Abbau weg und hin zur Bewahrung und anhaltenden Hütung zu führen. Bewahren und behüten um der Schöpfung und der nach uns kommen Menschen Willen. Ökologische und soziale Verantwortung sollen miteinander verwoben werden.
Solidarität mit den nächsten Generationen wird proklamiert. Kein leichtes Unterfangen, wenn die Grundbedürfnisse nicht mal für die gegenwärtige Generation, die mit uns jetzt und gemeinsam auf dem Planeten leben, "reicht".
Nach den Ende des Ost-West-Konfliktes und zum Nord-Süd-Konflikt kommt der Natur-Mensch-Konflikt und der Gegenwart-Zukunft-Konflikt hinzu. Diese Konfliktüberlagerungen erschweren den Zugang zu den einfachen Regeln, die hinter dem hehren Begriff der Nachhaltigkeit stehen.
Sie gelten - vereinfacht angewandt - für einen kleinen, autarken Bauernhof wie für die planetarische Dimension:
- Wir dürfen nicht mehr verbrauchen als nachwächst. Sonst gibt es Hunger und Tod.
- Wir dürfen nur soviel Abfall und Schadstoffe produzieren, wie unser Gelände aufnehmen und absorbieren kann. Sonst stinkt es zum Himmel.
- Wir müssen vorübergehende Extravorteile oder Gewinne, zum Beispiel aus dem Ertrag eines Kohlevorkommens oder einer Ölquelle auf unserem Acker in sich selbst erneuernde Produktionen investieren und dürfen sie nicht aufbrauchen. Sonst gewöhnen wir uns an den zeitweisen Extragewinn, verlieren das Maß und können uns bei Knappheit nicht umstellen.
Das Anwenden dieser Regeln bedarf allerdings der Überwindung des "Nationalen" und "Momentanen" und setzt wenigstens zwei Wertentscheidungen voraus: Zum einen: Jedem gegenwärtig lebenden Menschen steht ein Recht auf eigenständige Lebensgestaltung zu. Somit auch ein Recht auf intakten Lebensraum und ein Recht auf die gemeinsamen Güter der Menschheit, also die Befriedigung der sogenannten Grundbedürfnisse. Diese Rechte werden für die gegenwärtig lebenden Menschen schon nicht garantiert. Wie soll dann erst die zweite Wertentscheidung erfüllt werden: Sie lautet: Auch den künftigen Generationen ist ein Recht auf intakten Lebensraum und Zugang zu den gemeinsamen Gütern zu erhalten. (Ohne ihre Interessen, Notwendigkeiten oder Vorlieben genau kennen zu können.)
Die noch nicht Geborenen werden in die Schicksalsgemeinschaft des gegenwärtigen Natur-Mensch-Systems aufgenommen. Das ist in dieser Deutlichkeit ein Perspektivwechsel in der Neuzeit und ein Blickwechsel mit der Zukunft. Die uns Nachkommenden müßten bei den Planungen und Verhandlungen mit am Tisch sitzen, eine Stimme oder einen Anwalt, Mündelvertreter bekommen. Sei es aus aufgeklärtem Eigennutz, weil es für die eignen Kinder und Enkel gut ist , oder aus religiöser Erkenntnis, weil auch in den noch nicht geborenen Generationen das Antlitz Christi gesehen wird und zum Beispiel die Jesus-Überlieferung: "Was ihr getan habt, einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan". (Mt. 25. 40) eine erweiterte Bedeutung gewinnt.
Wie soll die Erweiterung des Solidaritäts- und Gerechtigkeitsbegriffes aber ernsthaft vertreten werden, wenn wir unter anderem die Aufgaben der klassischen Entwicklungspolitik gegenwärtig nicht erfüllen? Die Entfaltungsmöglichkeiten von über 800 Millionen Menschen vor allem der Südhalbkugel unserer Erde sind extrem eingeschränkt. Von einem Recht, geschweige einem gleichen auf intakte Umwelt kann nicht gesprochen werden. Vielmehr belasten ein weiterhin hohes Bevölkerungswachstum in Entwicklungsländern und immer noch wachsender Lebensstandard der Menschen in den Industrieländern die Umwelt und die Tragfähigkeit der Erde und verschärfen den Konflikt Mensch-Natur. Verlierer in diesem Kampf sind die "Geringsten" im Süden und die "Brüder und Schwestern im Morgen". Sie sind der geschädigten, nicht mehr tragfähigen Natur ausgeliefert.
Die Debatte zur Nachhaltigkeit steht oft in der Gefahr, die gegenwärtigen Entwicklungsaufgaben im Süden zugunsten der Entwicklungsabsichten in Norden zu vernachlässigen. Entwicklungszusammenarbeit, zumal der Kirchen, muß diese Gefahr klar sehen. Die "Nachhaltigkeitesdebatte" sollte aber deshalb nicht ignoriert oder wegen derzeit dringenderer Aufgaben nicht geführt werden. Sie sollte vielmehr hier im "Norden" mit "den Augen des Südens" geführt werden.
Was könnte dies bedeuten:
- Ökonomisches Wachstum im Norden sollte begrenzt geschehen, so daß Wachstums- und Entwicklungspotentiale für den Süden zusätzlich geschaffen werden.
- Der Norden muß seinen Schadstoffausstoß in Größenordnungen senken, so daß der Süden noch gewisse Entwicklungsschritte innerhalb der Grenzen der Tragfähigkeit des Ökosystems gehen kann ohne den Kollaps der Erde zu riskieren.
- Der Handel mit dem Süden muß qualifiziert aufrecht erhalten werden. Er kann eine Quelle der Entwicklung sein. Sozialstandards und ökologische Kriterien müssen dabei beachtet werden.
- Der Handel mit bestimmten Güter muß gemäß den Kriterien der Nachhaltigkeit aber auch unterbunden werden. Zum Beispiel der Waffenhandel oder der Handel mit Aggregaten und Teilen für Großstaudämme. Ihrer ökologischen und menschenrechtlichen Auswirkungen stehen dem Prinzip Nachhaltigkeit entgegen.
Weitere Beispiele ließen sich nennen.
Wir müssen uns der Aufgabe einer nachhaltigen Entwicklung in unserem Planen und Handeln stellen, gleich wie diese Aufgabe benannt oder übersetzt wird. Eine nachhaltige Entwicklung garantiert keine Zukunftsfähigkeit, sie ist aber deren wichtigste Voraussetzung. Nachhaltiges Wirtschaften schafft auch von sich aus keine solidarischeren Verhältnisse. Es gab über lange Perioden ökologisch nachhaltige Gesellschaften, die wiesen große Ungerechtigkeiten auf. Aber ohne den Versuch einer gleichzeitigen und ausblancierten Berücksichtigung der Interessen gegenwärtiger und zukünftiger Generationen im Rahmen der Tragfähigkeit der Erde wird es keine Zukunft in Zuversicht geben.
Diese ist aber notwendig, um die neuen ungewohnten Zielpunkte zu finden und die Barrieren quer zu den Leitlinien erkennen und überschreiten zu können.
Das Prinzip Nachhaltigkeit mit seiner erstaunlich großen Resonanz weist auf eine alte, die Menschheit ehemals prägende Perspektive hin, die des Lebensrechtes und der Sicherung der Lebensvoraussetzungen der Nachkommen. Segen nannte man das auch früher. Segen, nicht Fluch bis ins vierte und fünfte Glied.
In den letzten 150 Jahren industrieller Entwicklung, die nur zwei Dimensionen betonte: die nach oben, als Kurve des Wachstums und die nach unten, mittels Abbau und Ausbeute der Ressourcen in der Tiefe der Erde, ist die Perspektive der Erhaltung der Lebensvoraussetzungen zukünftiger Generationen weitgehend verloren gegangen. Das Prinzip Nachhaltigkeit appelliert daran, im wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Planen und Handeln über die nationalen Mauern hinweg, über die eigene Biographie hinaus und weiter als bis zu dem momentanen Gewinn zu sehen.
Hans-Joachim Döring