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Gemeinsame Konferenz Kirche und Entwicklung Kirchliches Forschungsheim Wittenberg
Globalisierung der Nachhaltigkeit oder nachhaltige Globalisierung
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In der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE) arbeiten der Evangelische
Entwicklungsdienst (EED) und die Deutsche Kommission Justitia et Pax (katholisch) zusammen.
Zu ihren Aufgaben gehören die Erarbeitung gemeinsamer Stellungnahmen und der
Dialog mit Politik und gesellschaftlichen Organisationen zu den Fragen der Nord-Süd-Politik.
Die Fachstelle Umwelt und Entwicklung beim Kirchlichen Forschungsheim wurde von der
Evangelischen Kirche in Deutschland eingerichtet, um in Folge der Rio-Konferenz 1992 und ihrer
Agenda 21 die Zusammenhänge von Umweltproblemen und Entwicklungschancen für die
Bildungs- und Informationsarbeit der Kirchen aufzubereiten.
Globalisierung der Nachhaltigkeit oder nachhaltige Globalisierung. Vorträge des 6. Wittenberger
Fachgesprächs zur Nachhaltigkeit am 24. und 25. Januar 2001 in Berlin. Herausgegeben
von der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE) und der Fachstelle Umwelt
und Entwicklung am Kirchlichen Forschungsheim
Redaktion: Dr. Peter Ackermann
Satz und Layout: Freies Lektorat für wissenschaftliche und Sachliteratur Dr. Peter
Ackermann, Caputh
Reihe Materialien der GKKE
Heft D 25
Herausgegeben von der Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE), Berlin und Bonn, Mai 2001
ISBN 3-932535-51-0 (Deutsche Kommission Justitia et Pax)
Redaktion: Dr. Jürgen Hambrink / Harry Neyer / Ulrich Pöner
Inhalt
Einführung 5
Der Aspekt Internationale Umweltpolitik in der Agenda
der Enquetekommission "Globalisierung" 7
Ernst Ulrich von Weizsäcker
Nachhaltigkeitsstrategien im OECD-Vergleich
15
Martin Jänicke
Szenarien des Klimawandels bis 2040 und die
Auswirkungen auf Mensch und Natur 29
Rolf Sartorius
Zehn Thesen zum Klimaproblem 51
Rolf Sartorius
Ethische Reflexionen auf den Klimawandel.
Zur Operationalisierbarkeit des Leitbildes der Nachhaltigkeit 53
Ulrich H. J. Körtner
Zu den Autoren 67
Tagungsprogramm 68
Einführung
Mit den Begriffen ‚Globalisierung' und ‚Nachhaltigkeit' verbinden sich oft konträre Leitvorstellungen
für die künftige Gestaltung von Politik und Gesellschaft. Das von der Gemeinsamen Konferenz
Kirche und Entwicklung (GKKE) sowie der Fachstelle für Umwelt und Entwicklung beim
Kirchlichen Forschungsheim veranstaltete sechste "Wittenberger Fachgespräch zur Nachhaltigkeit"
nahm dieses Spannungsverhältnis auf und bot eine Plattform für den Austausch der verschiedenen
Sichtweisen.
Zwei politische Entscheidungen der jüngeren Zeit deuten auf eine nunmehr einsetzende systematische
Abklärung von Planungsabsichten und Handlungsaufträgen der deutschen Politik im
Sinne der Nachhaltigkeit unter den Bedingungen der umfassenden Globalisierung hin. Es ist zum
einen die Einrichtung der Enquete-Kommission "Globalisierung der Weltwirtschaft" beim Deutschen
Bundestag und zum anderen die Berufung der Mitglieder des "Rates für nachhaltige Entwicklung"
durch die Bundesregierung.
Daß konkrete Entscheidungen zur globalen Sicherung der Lebensgrundlagen notwendig sind,
machen nicht zuletzt die sich häufenden Naturkatastrophen deutlich. Das Fachgespräch lenkte den
Fokus auf das Klimaproblem und nahm die aktuelle Debatte auf, indem es nach den nächsten erforderlichen
Schritten vor dem Hintergrund des Scheiterns des UN-Klimagipfels in Den Haag und
im Vorfeld der Fortsetzung der Beratungen in Bonn im Sommer 2001 fragte. Neben der wissenschaftlichen
Analyse der Klimadaten und den daraus abgeleiteten Prognosen wurden die Instrumente
einer Politik erörtert, die der Nachhaltigkeit verpflichtet ist. Zudem wurden mögliche ethische
Grundlagen der Handlungsmaximen individuellen und gemeinschaftlichen Handelns diskutiert.
Die lebhaften Diskussionen, die sich an die Vorträge anschlossen, haben die Fruchtbarkeit des
Ansatzes dieses Fachgesprächs bestätigt. Zur Weiterführung der Debatte werden die Beiträge hiermit
einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Den Referenten danken wir recht herzlich
für die Bereitstellung der Manuskripte.
Dr. Jürgen Hambrink Hans-Joachim Döring
Gemeinsame Konferenz Fachstelle Umwelt und
Kirche und Entwicklung Entwicklung
Der Aspekt Internationale Umweltpolitik in der Agenda der
Enquete-Kommission "Globalisierung"1
E. U. v. Weizsäcker
Ich beginne mit der kühnen Behauptung, daß der Begriff "Globalisierung" brandneu ist. Er ist erst
nach 1990 entstanden. Manche meiner politischen Gegner behaupten, es sei ein uraltes Phänomen.
Es ist ein Politikum von mir zu sagen, es sei neu. Warum ist es ein Politikum?
Zunächst einmal eine phänomenologische Beobachtung. Man findet das Wort "Globalisierung"
in keinem Brockhaus und keinem Langenscheidt vor 1990. Insofern habe ich automatisch recht - es
ist neu. Aber das könnte ja einfach nur eine Benamung sein, über die man sich politisch nicht aufzuregen
braucht. Ich behaupte nun weiter - und das ist politisch - , daß es seinen guten Grund hat, daß
man bis dahin allenfalls mal von globalen Problemen geredet hat, oder von internationalen Wirtschaftsverflechtungen
oder irgend so etwas. Solche Worte gab es natürlich. Aber daß man einen
eigenen Terminus für das Phänomen Globalisierung gefunden hat, hat seinen Grund in einem massiven
Paradigmenwechsel, der ziemlich genau 1990 stattgefunden hat.
Was war das? Uns allen ist ja erinnerlich, gerade hier in Berlin, daß das Jahr 1990 - oder meinetwegen
1989 - definiert bzw. charakterisiert war durch den Kollaps des Kommunismus. Jedenfalls
in Osteuropa. Und damit ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für Politik der Nachkriegszeit
auf einmal völlig verändert worden, nämlich die Rivalität zwischen Ost und West. Das betrifft
insbesondere auch die Entwicklungsländer. Bis 1990 war das Motiv der Entwicklungshilfe, das "bei
der Stange halten" der Entwicklungsländer für die westliche Demokratie. Die Hallstein-Doktrin hat
das überdeutlich gemacht. Genau das gleiche haben wir in der amerikanischen AID oder in der
damals sogenannten Generaldirektion VIII der Europäischen Kommission. Überall da wurde auch
kein Hehl daraus gemacht. Und die Entwicklungsländer wußten ganz genau, daß periodische Lippenbekenntnisse
zum marktwirtschaftlich westlich demokratischen Modell dem Finanzfluß gut
taten. Das ist auch niemanden direkt übel zu nehmen, aber man muß es zunächst einmal konstatieren.
Aber auch bei uns im Inneren war das überwältigende Motiv für fast alles was gemacht wurde,
zu beweisen, daß die westliche Demokratie besser ist. Das galt insbesondere für die Sozialpolitik,
aber auch für den Umweltschutz in erheblichem Umfang. In Bezug auf z.B. die soziale Gerechtigkeit,
war dies das Motiv für Ludwig Ehrhard gegenüber dem damals in Ostdeutschland regierenden
Walter Ulbricht. Im Umweltschutz der 60er und 70er Jahre war es dann sehr wohl eine immer wiederkehrende
Floskel, zu sagen: "Schaut mal, die dort drüben schaffen das nicht. Sie sind und bleiben
schmutzig." Das kam immer wieder vor. Obwohl es im Umweltschutz, wie Herr von Lersner
weiß, auch sehr viel reinere und positivere Motive gab. Die wollen wir natürlich nicht vergessen.
Mit 1990 war diese Rivalität zu Ende und nun brauchte das Kapital sich nicht mehr in den sozialen
Konsens einzukaufen. Bis 1990 war die Konsensgesellschaft ein Standortvorteil. Nicht nur
gegenüber dem Osten, sondern auch innerhalb des Westens. Da wurde dann gesagt, da verliert man
wenig Geld durch Streiktage usw. Aber es war eigentlich akzeptiert, auch in den Führungsspitzen
der Wirtschaft, daß man sozialen Konsens hegt und pflegt.
Die gleichen Leute, die in den 80er Jahren so gesprochen haben, konnte man dann etwa 1992/ 93
- deutlich nach der Wende - vom "Konsensgesülz" reden hören, welches sich die Gesellschaft einfach
nicht mehr leisten könne, welches einfach zu teuer sei - nämlich die Konsensgesellschaft. Das
sichtbarste Beispiel war ganz zweifellos Hans-Olaf Henkel. Er hat das mit wachsender Deutlichkeit,
um nicht zu sagen Brutalität, in die politische Diskussion gebracht. Er sagte, ich will nicht Konsens,
unwesentlich überarbeitete Bandnachschrift ich will Konflikt. Das hätte er sich 1988 nie leisten können. Er war auch ein sehr guter Diagnostiker.
Er hat festgestellt, daß seit 1990 der Standort Deutschland - auch ein Henkel-Begriff - gefährdet
war durch die Kostenkonkurrenz und Kostentransparenz, die bis dahin keine so große Rolle gespielt
hatte.