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Vom
Fachgespräch:
“Pfade-Barrieren-Bündnisse – Schwerpunkte der
Unterstützung nachhaltiger Entwicklung durch Kirchen und Gemeinden”
Auf den folgenden Seiten dokumentieren
wir Auszüge aus Vorträgen, die auf dem Fachgespräch
“Pfade-Barrieren-Bündnisse”,
am 29. und 30. September 1998 im Kolpinghaus in Frankfurt/Main gehalten wurden.
Auf der gut besuchten Veranstaltung referierten und stellten sich dem Dialog mit den Teilnehmern:
Dr. Hans Diefenbacher
, Ökonom und Umweltbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Er arbeitet an der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg.
Eberhard Hitzler
, Geschäftsführer der Kammer Entwicklung und Umwelt der Evangelischen Kirche in Deutschland. Er arbeitete bis zur Berufung nach Hannover als Leiter der Grundsatzabteilung der Evangelischen Zentralstelle für Entwicklung (eze) in Bonn.
Dr. Markus Vogt
, München-Benediktbeuern, er leitet seit November die Clearingstelle “Kirche und Umwelt” der katholischen Deutschen Bischofskonferenz.
Die ungekürzten Vorträge können in der Fachstelle kostenlos bestellt werden.
Wir bitten um Verständnis für die z. T. “dramatischen” Kürzungen.
Schwerpunkte
kirchlicher Arbeit für Nachhaltigkeit – Sicht: Umwelt. Einige Thesen zur
Diskussion
entfaltet von Dr. Hans Diefenbacher
Erstens:
Eigentlich ist es gar nicht so sinnvoll, die beiden Sichtweisen zu trennen: Sicht “Umwelt” und Sicht “Entwicklungszusammenarbeit”.
Daß der wissenschaftliche Beirat des Beauftragten des Rates der EKD für Umweltfragen und die Kammer für Entwicklungsverantwortung in der laufenden Ratsperiode zu einer Kammer für Umwelt und Entwicklung zusammengelegt wurden, ist eine begrüßenswerte programmatische Aussage – die allerdings noch mit Leben erfüllt werden muß.
Jeder Ansatz für eine nachhaltige Entwicklung muß
ökonomische, ökologische und soziale Problemdimensionen aufeinander beziehen,
und dies in dem Bewußtsein, daß wir in einer Welt leben.
Zweitens:
Gegen Nachhaltigkeit ist heute niemand mehr. Selbst für Gegenstände, die diesem Entwicklungsziel offenkundig nicht dienen, wird mit dem Attribut der Nachhaltigkeit geworben.
Daß der Begriff derart positiv besetzt ist, macht es zugleich problematisch, ihn zu verwenden. Damit er nicht zur bloßen Beschwörungsformel degeneriert, ist es notwendig, jeweils sehr genau zu benennen, was damit gemeint ist.
Die folgende Liste enthält eine Zusammenstellung von Teilzielen nachhaltiger Entwicklung; mindestens diese Bereiche sind es, die angesprochen werden müssen, um Entwicklungsstrategien – ob im “Norden” oder im “Süden” auf ihren möglichen Beitrag zur Erreichung des Gesamtzieles der nachhaltigen Entwicklung zu prüfen:
ÖKOLOGIE:
Geringe Abfallmengen – Möglichst niedrige Luftverschmutzung – Erhaltung der Öko-Systeme und der Artenvielfalt – Erhaltung des Bestandes an erneuerbaren Ressourcen – Geringe Entnahme nicht erneuerbarer Ressourcen – Verbesserung des Umweltschutzes
ÖKONOMIE:
Gleichmäßige Verteilung der Arbeit – Angemessener Privater Verbrauch – Möglichst hoher regionaler Selbstversorgungsgrad – Ausgeglichene Wirtschaftsstruktur – Stabile Preise – Gesunde Struktur der Öffentlichen Haushalte
SOZIALER BEREICH:
Gerechte Einkommens-
und Vermögensverteilung – Hohes Niveau von Kultur und Ausbildung – Ausgewogene
Bevölkerungs- und Siedlungsstruktur – Sozial- und umweltverträgliche Mobilität –
Hohes Gesundheitsniveau – Hohes Sicherheitsniveau
Drittens:
Der Beitrag von Kirche zur Arbeit
für nachhaltige Entwicklung muß unter zwei verschiedenen Aspekten betrachtet
werden. Zum einen geht es darum, im Bereich kirchlicher Einrichtungen selbst zu
einem energie- und umweltbewußten Management zu kommen. Beratungsangebote,
Demonstrationsprojekte und Phasen der Erprobung neuer Techniken und
Organisationsformen sind natürlich wichtig. Unverzichtbar ist aber, das, was man
bereits sicher weiß und was mit zum Teil relativ geringem Aufwand getan werden
kann, als selbstverständliche Normalität zu betrachten und in möglichst vielen
kirchlichen Einrichtungen auch schnell umzusetzen.
Viertens:
Zum anderen geht es darum, den ganz eigenen Auftrag und Ausgangspunkt kirchlicher Umweltarbeit in die gesellschaftspolitische Debatte einzubringen:
In der Rede von der “Bewahrung der Schöpfung” kommt eben mehr zum Ausdruck als in der Vokabel Natur- oder Umweltschutz: Nach übereinstimmendem jüdisch-christlichem Glaubenszeugnis sind die Natur und der Kosmos Schöpfungstat Gottes. Der Respekt vor dem Schöpfer und die Ehrfurcht vor allem Lebenden sind prägende Elemente einer Verantwortung für die Schöpfung, für die sich in der ökumenischenDiskussion der Leitbegriff einem “verantwortlichen Haushalterschaft” herausgebildet hat.
Das bedeutet unter anderem, daß Christinnen und Christen nicht müde werden sollten, ihren spezifischen Hintergrund in die jeweils aktuellen Debatten zu übersetzen und an den verschiedenen tagespolitischen Auseinandersetzungen sichtbar zu machen, worauf es auch ankommt: Lebensmöglichkeiten auch für die außermenschliche Natur zu sichern und zu bewahren, jenseits aller ökonomischer Verwertungskalküle; Grenzen technologischer Machbarkeit anzuerkennen und zu respektieren; sich die Fähigkeit zu erhalten, auch den eigenen Lebensstil auf dessen Verträglichkeit mit der Bewahrung der Schöpfung zu befragen; Menschen zu begleiten bei notwendigen Prozessen des Umsteuerns und ihre Sorgen und Ängste ernst nehmen.
Von großer Bedeutung wird es sein, in Zukunft nicht nur Bestehendes zu kritisieren, sondern an gelungenen Beispielen und Projekten zu zeigen, wie eine nachhaltige Entwicklung aussehen kann, mit der ökologische, ökonomische und soziale Bedürfnisse in Einklang gebracht werden können. Das kann eine Windkraftanlage auf Kirchenland ebenso sein wie eine Initiative zur Förderung fairen Handels: Die Phantasie ist als Ressource ebenso unerschöpflich wie unverzichtbar.
Schwerpunkte kirchlicher Arbeit für Nachhaltige Entwicklung aus der Sicht der Entwicklungszusammenarbeit der Kirchen oder:
Ohne Gerechtigkeit und Solidarität gibt es keine nachhaltige Entwicklung
von Eberhard Hitzler
2. Von Rio nach
Frankfurt:
Die Impulse von Rio sind in vielen westlichen Gesellschaften zumindest teilweise aufgenommen worden, die Agenda 21 und der Begriff der Nachhaltigen Entwicklung scheinen zur Zeit zumindest als Zielvorstellung weithin akzeptiert. Dabei ist die Zielvorstellung „nachhaltige Entwicklung“ sehr offen, beschreibt die Agenda 21 so vielfältige Schwerpunkte und Möglichkeiten zu ihrer Umsetzung, daß für nahezu alle gesellschaftliche Gruppen genügend Interpretationsspielräume bleiben. Alle politischen Parteien, Wirtschaft und Industrie und eben auch kirchliche Gruppierungen und Gruppen können sich auf die Agenda 21 berufen und tun dies auch bei der Beschreibung ihrer eigenen Ziele und Maßnahmen für eine nachhaltige Entwicklung. So problematisch dies inhaltlich sein mag, liegt darin aber auch eine große Chance, oder um es in der Terminologie der Tagung zu sagen, liegen wichtige Pfade auch für die kirchliche Arbeit um nachhaltige Entwicklung überhaupt beschreiten zu können. Ich sehe 4 Handlungsfelder für kirchliche Arbeit für nachhaltige Entwicklung:
- Zu einem ethischen Grundkonsens zu „nachhaltiger Entwicklung“
beitragen.
- Einen Beitrag zu ihrer lokalen Umsetzung leisten
- Sich an der internationalen Politikbildung beteiligen
- Die Kompetenz von Partnern in Übersee stärken und
gemeinsam lokale nationale und internationale Anstrengungen um Nachhal tigkeit
unterstützen
2.1. Zu einem ethischen
Grundkonsens zu „nachhaltiger Entwicklung“ beitragen.
Zur Durchsetzung bestimmter Ziele braucht es einen ethischen Grundkonsens. Erst ein solcher Grundkonsens ermöglicht eine Verständigung unter den Bürgerinnen und Bürgern über die wichtigsten Perspektiven einer zukunftsfähigen Gesellschaft und eröffnet Wege zur Bewältigung der wirtschaftlichen und sozialen Probleme. Der Begriff „Nachhaltige Entwicklung“ und die Agenda 21 haben gerade deshalb eine Chance, Teil des gesellschaftlichen Grundkonsenses zu werden, weil sie Interpretationsspielräume zu ihrer Umsetzung bieten. Es mag beschwerlich sein und ärgerlich, wenn Chemiekonzerne ihre Genforschung und die daraus resultierenden Produkte als Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung vermarkten und wir den Eindruck haben, wir sind bei George Orwell gelandet. Doch der Dissens entsteht sozusagen erst hinter der Klammer: Vor der Klammer besteht zunehmend Einigkeit darüber, daß Produktionsmethoden, Konsummuster, hohe Bevölkerungszahlen, wirtschaftliche und politische Grundannahmen, die bisher gängige Praxis sind, eben nicht nachhaltig sind. Daß sie den nächsten Generationen das Leben zumindest schwerer machen und das Überleben großer Teile der Menschheit gefährden.
Die Grundsatzpapiere vieler Parteien, staatlicher (europäischer) Einrichtungen, Ministerien und Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit zeugen von dem neuen theoretischen Konsens, den die Agenda 21 bietet und bauen auf dieser ihre Leitbilder auf.
Dieser neue Konsens über die Notwendigkeit, sich um „nachhaltige Entwicklung“ zu bemühen, ist um so wichtiger, weil bisher unhinterfragte Teile des ethischen Grundkonsens, auf den Politik, Wirtschaft und Gesellschaft angewiesen sind, gegenwärtig schleichend verloren gehen und unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen neu gefunden werden müssen. Rolle der Politik und des Staates, die Bedeutung der Wirtschaft und Industrie, Bedeutung von Nation, Bedeutung von Arbeit, Verantwortung für das Gemeinwesen haben nicht länger eindeutige gemeinsame ethische Grundlagen in Deutschland und erst recht nicht ausreichende Grundlagen darüber hinaus. Nach dem Wegfall der Systemkonkurrenz und mit der wirtschaftlichen Globalisierung gibt es noch keinen neuen ethischen Konsens und ein klares politisches Konzept, sondern eine Vielzahl von Bruchstücken.
Das heißt aber auch, „Nachhaltige Entwicklung“ darf nicht auf ökologische Ziele verkürzt werden. Ökologische Fragen sind zwar elementarer Bestandteil nachhaltiger Entwicklung, ökologische Nachhaltigkeit aber nur ein Ziel. Dreh- und Angelpunkt nachhaltiger Entwicklung sind der intergenerationelle Gerechtigkeitsgedanke und auch die intragenerationelle Gerechtigkeit und Solidarität. Sie sind unabdingbare Teile des ethischen Grundkonstrukts der Nachhaltigkeit. Schlichter formuliert: Ohne Gerechtigkeit und Solidarität kann es keine nachhaltige Entwicklung geben. Armut und Gefährdung menschenwürdigen Lebens morgen durch ökologische Schäden darf nicht gegen Armut und Marginalisierung heute ausgespielt werden. Damit ist aber auch klar, daß es bei nachhaltiger Entwicklung nicht nur um ökologische Schadensbegrenzung geht. Es geht um viel mehr: Es geht um einen weitreichenden Politik- Wirtschafts- und Konsumwechsel, für den es allerdings bisher weder den ethischen Grundkonsens noch den ernsthaften Willen zur Umsetzung gibt.
Das ist nicht verwunderlich: Denn viele der zu hinterfragenden derzeitig noch gültigen Parameter für Politik, Wirtschaft und Kultur haben den europäischen Wohlstand, die weitgehende Überwindung der Armut in Europa, die weitreichende soziale und rechtliche Absicherung in Amerika und Europa erst ermöglicht. Es sind gerade die Errungenschaften der Zivilisation, die wirtschaftlichen Paradigmen von Markt und Wachstum, die unter den Bedingungen der Globalisierung und mit dem ethischen Postulat einer globalen und intergenerationellen Gerechtigkeit nicht mehr länger Segen für viele sind, sondern nur für wenige; für viele Menschen in Nord wie Süd, Ost und West zum Fluch werden.
Die politischen Reaktionen auf das gemeinsame Wort der Kirchen zur wirtschaftlichen und politischen Lage “Für eine Zukunft in Solidartät und Gerechtigkeit” spiegelt m.E. das Dilemma wieder: Das dort gesagte findet - bis auf die Wirtschafts-Hardliner - weitgehend Konsens. Aber es gibt bislang kaum Ideen und erst recht kein politisches Gesamtkonzept, das diese Zielvorstellungen nachhaltiger Entwicklung in politische Entscheidungen umsetzen kann, ohne die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands entscheidend zu gefährden. Oder wieder schlicht ausgedrückt: 5 DM für 1 lt., Benzin sind ökologisch sinnvoll, wirtschaftlich umstritten, politisch tödlich.
Und doch haben die Kirchen mit diesem Wort einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung schon geleistet: Das gemeinsames Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage zeigt m. E. den möglichen Grundkonsens einer zukunftsfähigen Gesellschaft. Solidarität und Gerechtigkeit werden als entscheidende Maßstäbe einer zukunftsfähigen und nachhaltigen Wirtschafts- und Sozialpolitik beschrieben. ...
Die Art
und Weise wie dieses Wort zustande kam und der Inhalt dieses Worts gibt
Hoffnung, daß die Kirchen damit einen Stein ins Rollen gebracht haben, der
Anstoß sein kann für eine weitere christlich - ethische Diskussion um
nachhaltige Entwicklung. Ich würde mich freuen, wenn die neue Kammer der EKD für
Entwicklung und Umwelt diese Diskussion aufnehmen und weiterführen würde.
2.2. Einen Beitrag zur lokalen
Umsetzung der Agenda 21 leisten
Ich werde dazu nur zwei kurze Anmerkungen machen, denn ich glaube, daß es dazu aus ökologischer Sicht mehr und kompetenteres zu sagen gibt:
1. Umweltgruppen, entwicklungspolitische Gruppen, Gemeinden, Kommunen etc. haben in vielen Teilen Deutschland Prozesse begonnen, die manchmal ernüchternd und frustierend, oft aber auch vielversprechend sind. Aus entwicklungspolitischer Sicht fällt allerdings auf, daß zwar viele Eine Welt Gruppen beteiligt sind, ein direkter Zusammenhang von lokalen Agenda 21 Initiativen mit den Problemen armer Bevölkerungsgruppen in Agrarländern jedoch schwer zu vermitteln ist, noch schwerer, ob und wie lokale Agenden zur Lösung globaler Probleme über den ökologischen Aspekt hinaus beitragen können.
2. Kirchengemeinden sollten von Kirchenleitungen noch mehr
ermutigt werden, sich an lokalen Agenden zu beteiligen und vielleicht sogar
exemplarische Gemeinschaften für nachhaltige Entwicklung zu sein. Auch das von
vielen belächelte Solarkirchendach soll in seinem Ausstrahlungseffekt nicht
unterschätzt werden.
2.3. Sich an der internationalen
Politikbildung beteiligen
Die Kirchen haben als Teil der Zivilgesellschaft - wenn auch bei abnehmender Akzeptanz - nach wie vor in Deutschland ein hohes Ansehen, ihre Stimme hat Gewicht auf dem politischen Parkett. Auch auf der internationalen Bühne hat die Kirche durch ihre ökumenische Vernetzung und durch die wachsende Akzeptanz zivilgesellschaftlicher Akteure bei nationalen und internationalen Entscheidungsprozessen Chancen, politische Rahmenbedingungen zu beeinflussen. Die Frage ist eher, ob sie das will und soll, und wenn ja, ob der gemeinsame christliche Glaube hinreichendes Fundament ist für eindeutige politische Positionen, die von der evangelischen Kirche in Deutschland, dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf etc. vertreten werden. In den letzten Jahren ist sowohl die Relevanz dieses Arbeitsbereichs - Lobby und Politikbeeinflussung auf nationaler und internationaler Ebene - zumindest im entwicklungspolitischen Bereich der Kirche immens gewachsen als auch der Konsens bei bestimmten politischen Positionen:
Ich möchte nur exemplarisch einige wenige entwicklungspolitische Themen nennen, die für einen nachhaltige Entwicklung von Bedeutung sind:
- Kohärenz der Politikbereiche auf nationaler und in
ternationaler Ebene
- Schuldenproblematik
- Menschenrechte, universell und unteilbar
- Soziale Entwicklung
Wirtschaftliche Globalisierung, gegenseitige Abhängigkeit und Auswirkungen nationalstaatlicher Entscheidungen auf Lebenschancen von Menschen in anderen Weltregionen erfordern auch von denen, die im kirchlichen Entwicklungsdienst arbeiten ein Umdenken in ihren Arbeitsgebieten und Instrumenten. Wenn eben nicht nur lokale und nationale Bedingungen über Leben oder Tod, Gesundheit oder Krankheit, Wohlstand oder Armut, Zugang zu sauberem Wasser, sauberer Luft, Bildung etc. entscheiden, sondern internationale Wirtschaftsprozesse, Investitions - und Spekulationsverhalten von Kapitaleignern, Zölle und Protektionen, Produktionsbedingungen und Konsummuster anderer Länder etc. dann reicht es eben nicht länger aus, Schulen und Krankenhäuser zu bauen, lokale Partizipationsprozesse zu initiieren, und Standortgerechten Landbau zu fördern. Kirchlicher Entwicklungsdienst will Armut und Marginalisierung bekämpfen und ihre Ursachen abbauen helfen. Dazu muß er heute versuchen, auch die internationalen Bedingungen zu verstehen und entsprechend zu beeinflussen.
Sowohl bei Brot für die Welt als auch bei anderen Einrichtungen des Kirchlichen Entgwicklungsdienstes findet dieses Umdenken statt. Kampagnen, Inlandsprojekte, Lobby und Advocacyarbeit haben neues Gewicht und teils auch personelle Ausstattung erhalten. Verschweigen will ich nicht, daß dieser Arbeitsbereich wieder gefährdet ist durch rückläufige Mittel und die durch bedingte Frage nach den „Kernaufgaben“, die oft in die Vergangenheit führt und selten die notwendigen Aufgaben für neue Herausforderungen im Blick hat.
Doch das Geschäft der nationalen und internationalen Politikbeeinflussung durch Lobby- und Kampagnenarbeit ist kompliziert, sowohl vom Inhalt her als auch von den Verfahren und Möglichkeiten, Einfluß zu nehmen. Ganz neu ist es für die Entwicklungspolitik der Kirche nicht: Haben wir uns in den 70ern darauf beschränkt, ungerechte Terms of Trade, die Schuldenproblematik zu verstehen Lösungen vorzuschlagen, haben wir uns mit makroökonomischen Konzepten der Weltbank auseinandergesetzt und Strukturanpassungsprogramme kritisiert, so sind wir mehr und mehr in die Rolle reingewachsen, nicht nur zu kritisieren sondern uns Gedanken zu machen über neue funktionierende Alternativen in Zeiten, in denen die große politisch-wirtschaftliche Alternative zum Kapitalismus kollabierte. Und die ethischen und politischen Fragestellungen werden täglich komplizierter: Vereinbarungen über biologischen Vielfalt und Klimarahmenkonvention, WTO und MAI, Lomé und HIPC, 20:20 und Tobin Tax sind nur einige Stichworte, bei denen der Eingeweihte weiß, daß dabei Entscheidungen fallen können, die unsere und vor allem die Lebensumstände künftiger Generationen in fast allen Teilen der Erde bestimmen werden. Mehr als dies je durch einzelne Maßnahmen und Projekte der Entwicklungszusammenarbeit oder des Umweltschutzes geschehen kann.
Dabei haben die Kirchen
erst wenig etablierte strukturelle Zugänge und Bearbeitungsmöglichkeiten für
diese Themen und für die Beeinflussung internationaler Entscheidungsprozesse
entwickelt. Es wird in den nächsten Jahren entscheidend darauf ankommen, ob sich
Kirchen als Teil einer aktiven Zivilgesellschaft verstehen und internationale
Entscheidungsfindung für globale Problemlösungen als wichtigen Aufgabenbereich
für Verkündigung und Dienst begreift. ...
2.4. Zur internationalen
Zusammenarbeit beitragen:
Die Kompetenz von Partnern in Übersee stärken und gemeinsam lokale nationale und internationale Anstrengungen um Nachhaltigkeit unterstützen
Das Verständnis von politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Zusammenhängen und Interdependenzen bedingen auch für die kirchliche Entwicklungszusammenarbeit, ihre Arbeit neu zu überdenken, neue Instrumente und Verfahren der Armutsbekämpfung zu nutzen.
Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zu fördern, ist das gemeinsame Anliegen kirchlicher Entwicklungszusammenarbeit.
• Unter Gerechtigkeit verstehen wir das Recht aller Menschen auf ein Leben in Würde, auf Nahrung, Gesundheit, Wohnung und Ausbildung, auf Teilhabe an der Gesellschaft. Armut wird meist durch Ungerechtigkeit, durch Unrecht verursacht. Altes wie Neues Testament betonen die Notwendigkeit, die Schwachen zu schützen und für ihr Recht einzutreten;
• Unter Frieden verstehen wir nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern das Zusammenleben von Menschen in Respekt vor der Würde des Einzelnen, wobei unterschiedliche Interessen und bestehende Konflikte mit demokratischen und gewaltlosen Mitteln ausgehandelt werden. Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit und keine Gerechtigkeit ohne Frieden;
• Unter Bewahrung der Schöpfung verstehen wir die Pflege natürlicher Lebensgrundlagen und ihre Nutzung ohne Zerstörung, bei der auch das Recht kommender Generationen mitbedacht und ihr überleben gesichert wird. ...
Entwicklung ist ein gesamtgesellschaftlicher Prozeß mit politischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen und ökologischen Aspekten. Soziale Gerechtigkeit, eine demokratische Ordnung der Gesellschaft und ein schonender Umgang mit natürlichen Ressourcen sind grundlegend für eine nachhaltige menschliche Entwicklung, die Frauen und Männern gleichermaßen zugute kommt und Kindern und Jugendlichen eine Chance für eine bessere Zukunft gibt. Ein demokratischer Rechtsstaat und eine starke Zivilgesellschaft sind wichtige Faktoren für eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der Armen gerecht wird.
Deshalb bedeutet wirkungsvolle Hilfe für die Armen im Süden auch, die Anstrengungen derer zu unterstützen, die nach neuen Wegen und Lösungen für eine zukunftsfähige Entwicklung der Welt suchen, die alle einschließt, die Armen im Süden und die - noch - reichen Industrienationen im Norden. ...
Daraus ergibt sich folgendes Leitbild:
Der kirchliche Entwicklungsdienst orientiert sich am Leitbild einer weltweit gerechten, partizipatorischen und zukunftsfähigen Gesellschaft, in der Menschenrechte und Menschenwürde von Frauen, Männern und Kindern gleichermaßen verwirklicht sind, und in der Menschen verantwortlich in Gemeinschaft mit anderen Menschen und der Natur leben.
Im Mittelpunkt der Arbeit stehen Benachteiligte, Arme und Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben: Kirchliche Entwicklungszusammenarbeit hilft:
- durch unmittelbare Armutsbekämpfung, die Not dieser Menschen zu lindern. Er fördert Projekte, die der Befriedigung von Grundbedürfnissen dienen, soziale Dienste aufrecht erhalten oder die Organisierung der Armen zur Selbsthilfe unterstützen.
-sie trägt dazu bei, Armutsursachen abzubauen. Deshalb unterstützt er Aktivitäten, die zu einer partizipativen Gestaltung gesellschaftlicher Strukturen beitragen. Ziel ist es, ein sozial gerechtes und friedliches Miteinander aller Menschen zu ermöglichen und die Schöpfung zu bewahren.
- sie unterstützt und berät Organisationen, die mit den Armen Projekte durchführen, ihre Interessen vertreten und soziale Bewegungen stärken. Er fördert die dafür nötige Kompetenz und Fähigkeit und stärkt dadurch die Zivilgesellschaft.
- Eng verzahnt damit ist die Inlandsarbeit. Sie zielt darauf ab, die Aktivitäten im Süden durch Informationsarbeit und durch Einflußnahme auf Politik und Kirche auf internationaler Ebene, in Deutschland und Europa zu unterstützen.
Literaturhinweis:
Schon frühzeitig beschäftigte sich KED mit Umwelt und Entwicklung: 1991 erschien eine Studien der Kammer für Kirchlichen Entwicklungsdienst im Auftrag des Rates der EKD unter dem Titel: “Die ökologische Krise als NORD-SÜD-Problem: Fallbeispiel Brasilien” , Gütersloh, 120 S., ISBN: 3-579-01962-7.
Nachhaltigkeit als neues (viertes) Prinzip der katholischen Soziallehre – Bericht von einer “kleinen Revolution”
von Dr. Markus Vogt
3. Zur ethischen Begründung des
Nachhaltigkeitsprinzips
Ein Ausgangspunkt für die Suche nach fundamental neu ansetzenden Begründungsmodellen in der ökologischen Ethik war eine radikale Kritik am christlichen Naturverhältnis: Die im biblischen Schöpfungsbericht grundgelegte “anthropozentrische” Vorstellung, daß der Mensch mit einem Herrschaftsauftrag über die Natur ausgestattet sei (Gen 1, 26-28), wird von Lynn White, Carl Amery u.a. als zentrale geistesgeschichtliche Ursache des neuzeitlich-instrumentellen Naturverhältnisses und damit der abendländischen Umweltkrise gedeutet (Amery 1972). Als alternative Ausgangspunkte gewinnen die Vorstellungen “Vermeidung von Leid”, “Gleichberechtigung aller Leben” und “Rechtsgemeinschaft der Natur” eine ethische Schlüsselbedeutung. In diesen Auseinandersetzungen lassen sich folgende Begründungsmodelle unterscheiden:
Anthropozentrischer Ansatz: Als zentraler ethischer Maßstab gilt hier die Würde des Menschen (griechisch: anthropos = Mensch). Ökologische Forderungen werden in Bezug die Bedürfnisse und Lebensbedingungen des Menschen begründet, wobei in neuerer Zeit insbesondere globale Zusammenhänge sowie die künftigen Generationen ins Blickfeld gekommen sind. In seiner klassischen Ausformung bei Kant erkennt die anthropozentrische Ethik allein den Angehörigen der menschlichen Gattung den Anspruch zu, nie nur als Mittel, sondern stets auch als Zweck an sich selbst behandelt zu werden (Kant BA 66f). Darauf aufbauend geht die methodische Anthropozentrik davon aus, daß jede Begründung ethischer Sollensansprüche auf den Menschen Bezug nehmen muß, weil nur er sittliches Subjekt und damit möglicher Adressat moralischer Appelle ist (Irrgang 1992, 9-110; Lochbühler 1996, 201-320). Die inhaltlich-materiale Anthropozentrik sieht darüber hinaus den Menschen als “Spitzengeschöpf” an, in dem die Evolution ihren höchsten Sinn findet und der mit einem Gestaltungs- und Herrschaftsauftrag über die Natur ausgestattet ist.
Pathozentrischer Ansatz:
Als ethischer Maßstab gilt die Empfindungsfähigkeit (griechisch: pathein =
leiden, empfinden). Ziel ist es, Leid zu vermeiden, wobei alle Lebewesen, die Freude und Schmerz empfinden können, als Träger eigener moralischer Rechte berücksichtigt werden. Der pathozentrische Ansatz entfaltet sein Anliegen vor allem im Bereich der Tierethik, in der bezogen auf die jeweilige Empfindungsfähigkeit Kriterien für artgerechte Tierhaltung definiert werden. Angesichts der Erfordernisse des Pflanzenschutzes sowie der Berücksichtigung ökologischer Gesamtzusammenhänge hilft das Kriterium der Leidensfähigkeit jedoch kaum weiter.
Biozentrischer Ansatz: Als ethischer Maßstab gilt der Wille zu leben (griechisch: bios = Leben). Jedes Lebewesen hat danach ein prinzipiell gleichrangiges Recht auf die Achtung seiner zum Überleben und zur Entfaltung notwendigen Grundbedürfnisse. Der biozentrische Ansatz geht wesentlich auf Albert Schweitzer zurück, der als allgemeines ethisches Leitprinzip formuliert: „Die Ehrfurcht vor dem Leben gibt mir das Grundprinzip des Sittlichen ein, daß das Gute in dem Erhalten, Fördern und Steigern von Leben besteht und das Vernichten, Schädigen und Hemmen von Leben böse ist“ (Schweitzer 1990, 17). Der Gedanke, daß alle Lebewesen in einer einzigen Lebensgemeinschaft miteinander verbunden sind, wird zunehmend auch von der Whiteheadschen Prozeßphilosophie her begründet. Der biozentrische Ansatz erkennt keinen grundsätzlichen Vorrang der menschlichen Interessen an. Um im Konfliktfall zwischen verschiedenen Lebewesen entscheiden zu können, werden teilweise Differenzierungen eingeführt, z.B. der Grad an Fähigkeit, nach selbstgesetzten Zielen zu streben, was ein wichtiges Merkmal von Leben ist (Ricken 1987).
Physiozentrischer Ansatz (auch ökozentrisch oder holistisch genannt): Ethischer Maßstab ist hier die Zugehörigkeit zur Natur in ihrer Gesamtheit (griechisch: physis = Natur). Das physiozentrische Modell knüpft in seinem Naturverständnis an religiös-mythische und romantische Traditionen an und sucht auf dieser Basis nach einem “Frieden mit der Natur” (Meyer-Abich 1986). Im Rahmen einer umfassenden “Rechtsgemeinschaft der Natur” soll nicht nur den Menschen, sondern allen Lebewesen sowie Flüssen, Wäldern und anderen Ökosystemen der Status von Rechtssubjekten mit eigenen, von Vertretern einklagbaren Rechten zugestanden werden. Das hat zur Konsequenz, daß eine radikale Reform des gesamten Rechtssystems gefordert wird.
Personale Anthropozentrik und ihre ökologische Aufklärung
Ohne die vielschichtigen Auseinandersetzungen um diese unterschiedlichen ethischen Ansätze hier im einzelnen zu entfalten, sollen im folgenden als eine Art Resümee für die Begründung des Nachhaltigkeitsprinzips einige wichtige Gesichtspunkte festgehalten werden. Eine Schlüsselbedeutung kommt dabei der Frage nach dem Stellenwert des Personalitätsprinzips für die Begründung der Ethik zu:
Die Natur hat einen Eigenwert. Sie hat den Menschen hervorgebracht und wird ihn überdauern; die Frage nach ihrem Nutzen betrifft von daher nur einen relativ eng umgrenzten Teilaspekt des menschlichen Naturverhältnisses. Die Wahrnehmung ihrer Schönheit, die Erhaltung ihrer Vielfältigkeit und die Achtung ihrer Entfaltungsbedingungen sind für den Menschen zugleich eine Frage der Übereinstimmung mit sich selbst, also seiner Identität und Selbstachtung.
Die ästhetische, mystische oder ontologische Qualität, die für die Natur als solche reklamiert wird, ist nie aus ihrer Bezogenheit auf die kulturell vermittelten Wahrnehmungsformen des menschlichen Subjekts zu lösen (Höhn 1997, 271-274). Insofern ist die Feststellung des Eigenwertes der Natur strikt an ihren (erkenntnistheoretischen und ethischen) Bezug zum Menschen gebunden. Sie ist ein kulturspezifisches Phänomen.
Nur der Mensch kann Subjekt sittlicher Verantwortung und damit Adressat moralischer Appelle sein. Ihm kommt eine unbedingte Würde zu, und zwar nicht aufgrund bestimmter natural faßbarer und auch anderen Lebewesen oder Naturdingen zuschreibbarer Eigenschaften, sondern als Person und damit als einem zu Freiheit und Verantwortung berufenem sittlichen Subjekt (Vogt 1997, 333-368). In dieser personal-transzendentalphilosophischen und methodischen Hinsicht ist die Anthropozentrik unhintergehbar: Jede Begründung ethischer Imperative muß zentral auf den Menschen als Person Bezug nehmen.
Christliche Ethik kann der umweltethischen Kritik entgegenhalten, daß nicht die Anthropozentrik als solche, sondern vielmehr der Verlust ihrer theologischen Rückbindung im säkularen Anthropozentrismus der Neuzeit zu einem einseitig instrumentellen Naturverhältnis geführt hat (Irrgang 1992, 17). Dies wird durch eine differenzierte Kulturgeschichte bestätigt (Rappel 1996).
Die Kantsche Auffassung, daß Tierquälerei nur deshalb ethisch verwerflich sei, weil der Mensch dadurch in seinem Einfühlungsvermögen auch gegenüber Menschen verrohe (Kant A 108f), ist unzureichend. Nicht als Bedürfniswesen, sondern als Verantwortungssubjekt steht der Mensch im Zentrum ethischer Argumentation. Dabei bleibt er strikt an eine Grundorientierung gebunden, die den Eigenwert seiner Mitgeschöpfe achtet und riskante Eingriffe in ökologische Systeme meidet. Personale Anthropozentrik ist also nicht zu verwechseln mit einer Begründung des Ethischen allein vom menschlichen Nutzen her.
In Bezug auf inhaltliche Kriterien des Naturumgangs bedarf die Anthropozentrik einer “ökologischen Aufklärung” (Höhn 1994, 16; Hasted 1991, 9-24.151-203.283-292): Für den Tierschutz gewinnt dabei das Kriterium der Empfindungsfähigkeit eine grundlegende Bedeutung; für den Umweltschutz das der Grundfunktionen übergreifender ökologischer Zusammenhänge. Wenn man dies auf der Ebene der Kriterien und nicht auf der Ebenen der alternativen Letztbegründung einordnet, kann die Umweltethik in vieler Hinsicht konstruktiv an die Ethik Aufklärung anknüpfen. Die Intention einer (zweiten) Aufklärung entspricht der Grundausrichtung des Nachhaltigkeitsprinzips, das in seinen Ursprüngen von aufklärerischen Impulsen getragen war (Münk 1998).
Das stärkste Argument für politische Initiativen zum Umweltschutz ist nicht der Hinweis auf Eigenrechte der Natur, sondern der Nachweis, daß Naturschutz heute Voraussetzung für existentielle Lebenschancen künftiger Generationen ist. So begründet der 1994 eingefügt Artikel 20a des deutschen Grundgesetzes die Verankerung des Umweltschutzes als Staatsziel mit dem zunächst auf den Menschen bezogenen Grundsatz intergenerationeller Gerechtigkeit. Auch die Dokumente von Rio führen das Nachhaltigkeitsprinzip von einem anthropozentrischen Bezug her ein: “Human beings are at the center of sustainable development” lautet der Beginn des ersten Grundsatzes der Rio-Deklaration (BMU 1992, 45). Das Nachhaltigkeitskonzept ist seinem Ursprung nach ein Naturnutzungskonzept und schon von daher auf den Menschen bezogen.
Die ökologischen Erfordernisse werden im Rahmen des Nachhaltigkeitskonzeptes vor allem durch einen langfristigen und globalen Bewertungshorizont eingebracht, wobei es gerade systematisch auf die Zusammenhänge zwischen menschlichen und naturalen Interessen ankommt. Dieser integrative Ansatz wird von einer Ethik, die von der Kritik anthropozentrischer Letztbegründung ausgeht, verstellt.
Das
Nachhaltigkeitsprinzip relativiert nicht die ethische Unterscheidung zwischen
personalem und naturalem Bereich. Seine Forderung nach einer umfassenden
Berücksichtigung ökologischer Faktoren zielt vielmehr auf eine natur- und
gesellschaftstheoretisch fundierte Analyse der kritischen Gefährdungsfaktoren
zivilisatorischer Entwicklung. Durch diese Ausrichtung bleibt das
Nachhaltigkeitsprinzip sowohl mit den normativen Grundlagen der Demokratie (die
unbedingte Würde der menschlichen Person als Angelpunkt des gesamten
Rechtssystems) als auch mit den naturwissenschaftlich-nüchternen Zugangsweisen
des technischen Umweltschutzes vermittelbar.
4. Das Verhältnis der
Nachhaltigkeit zu den klassischen Sozialprinzipien
Das Nachhaltigkeitsprinzip stellt eine zeitgemäße und notwendige Ergänzung der klassischen Sozialprinzipien dar. Dabei werden die Prinzipien der Personalität, Solidarität und Subsidiarität sowohl aufgegriffen und in eigener Weise aktualisiert, als auch um einen prinzipiell neuen Problemhorizont erweitert.
In seiner Begründung bezieht sich das Nachhaltigkeitsprinzip zentral auf die besondere Würde und Verantwortung des Menschen als Person, die Voraussetzung und Schutzziel nachhaltiger Entwicklung ist und sich politisch in der Achtung der demokratischen Menschen- und Mitwirkungsrechte konkretisiert. Es hält prinzipiell an dem transzendentalphilosopischen Ansatz der Kantschen Ethik fest, stellt den Mensch als Person und Verantwortungsträger in den Mittelpunkt der ethisch-politischen Konzeption und ist in diesem Sinne – wie bereits dargelegt - einer ökologisch aufgeklärten Anthropozentrik zuzuordnen. Wenn Umweltethik dagegen wie in vielen Entwürfen der neuen ökologischen Ethik in Opposition zur Anthropozentrik und damit zum Personprinzip entfaltet wird, dann geraten ökologische und humane Perspektiven schon vom Ansatz her in einen Gegensatz, der falsche Alternativen vorprogrammiert und dazu neigt, den für das Nachhaltigkeitsprinzip wesentlichen Vernetzungsgedanken aus dem Blick zu verlieren. Die Forderungen der Nachhaltigkeit haben das Personprinzip im rücken und gewinnen nur in Verbindung mit diesem ihr volles ethisches Gewicht und damit die Chance, internationale Akzeptanz in rechtlich verbindlichen Abkommen zu finden. Dabei wird weltweiter Natur- und Umweltschutz als notwendiger und grundlegender Bestandteil einer Verteidigung der personalen Entfaltungsmöglichkeiten und Grundrechte des Menschen verstanden.
In Mitte des Nachhaltigkeitsprinzips steht die Forderungen nach einer weltweiten und generationenumspannenden Solidarität, deren Bewährungsprobe heute ganz wesentlich der Einsatz für eine globale Entwicklungs- und Umweltpolitik ist. Da es für die notwendigen Reformen in Politik und Wirtschaft nicht primär an Erkenntnissen fehlt, sondern vor allem am Willen und den strukturellen Voraussetzungen für ein weltweit solidarisches Handeln, ist die Forderung nach Solidarität zu einem ethischen Kernelement nachhaltiger Entwicklung geworden. Angesichts der Globalisierung der Märkte ist die Globalisierung der Solidarität der einzige Weg zur Erschließung einer lebenswerten Zukunft für alle Menschen.
Stärkste Kraft: Solidarität
Die nachhaltige Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen ist auch deshalb ganz wesentlich eine Frage der Solidarität, weil die Armen sowie die kommenden Generationen in besonderer Weise vom Raubbau an diesen betroffen sind. Aufgrund der engen Zusammenhänge zwischen Armut und Umweltzerstörung gewinnt das Solidaritätsprinzip in ökologischen Zusammenhängen eine vorrangige Bedeutung. Dies kommt nicht zuletzt in der Agenda 21 zum Ausdruck, da sie in ihren ersten Kapiteln den Akzent auf Armutsbekämpfung setzt. Eine ethisch akzeptable Konzeption der Entwicklungszusammenarbeit kann heute nicht mehr auf den Aspekt einer nachhaltigen Sicherung der ökologischen Lebensgrundlagen verzichten. So steht das Ziel sozialer Gerechtigkeit, dem auf der Ebenen der Prinzipien die Solidarität entspricht, im politischen Konzept der Nachhaltigkeit gleichberechtigt neben ökologischen Zielen. Dies ist insbesondere im Hinblick auf die ethischen Motivationspotentiale, die sich mit dem Prinzip der Solidarität verbinden, von Bedeutung: Sie sind wohl die stärkste gesellschaftliche Kraft für nachhaltiges Handeln. Dabei ist jedoch zu beachten, daß das Solidaritätsprinzip seiner ganzen Tradition nach auf den zwischenmenschlichen Bereich bezogen ist. Eine unmittelbare Ausweitung auf ökologische Beziehungen im Sinne einer Solidarität mit Tieren, Pflanzen und nichtlebenden Naturdingen würde auf Dauer wohl eher zu einer Aushöhlung und Verflachung des Begriffes führen als zu einer Stärkung des ökologischen Engagements.
Globalisierung mit Subsidiarität begegnen
Wegweisendes Organisationsprinzip nachhaltiger Entwicklung ist Subsidiarität, die hier vor allem deshalb eine tragende Bedeutung gewinnt, weil nachhaltige Entwicklung ein offener Suchprozeß ist, der kaum von oben verordnet und in allen Einzelheiten vorausgeplant werden kann, sondern nur durch das selbständige Engagement vieler gesellschaftlicher Gruppen und Institutionen zu erreichen ist. Nach Maßgabe der Subsidiarität darf der rechtsstaatliche Schutz individueller Freiheit auch um ökologischer oder sozialer Ziele willen nicht preisgegeben werden. Damit ist jede „Ökodiktatur“ strikt schon im Ansatz abzulehnen. Wo immer die Möglichkeit für individuelle und eigenverantwortliche Problemlösungen besteht, ist diesen der Vorrang einzuräumen. Die wichtigste Voraussetzung für die Entfaltung der kreativen und innovativen Potentiale wirtschaftlicher Eigenverantwortung sind Rahmenbedingungen, unter denen sich ökologisches Engagement finanziell lohnen kann. Darüber hinaus bedarf es vermehrter Anstrengungen im Bildungsbereich zur Förderung ökologischer Schlüsselkompetenzen.
Eine wichtige Realisierungsform der Subsidiarität im Rahmen nachhaltiger Entwicklung ist Regionalisierung, also die Abgrenzung und Unterstützung relativ selbständiger sozialer Einheiten, die eng mit ihrer konkreten natürlichen und sozialen Umwelt verbunden sind und so ein besonderes Interesse an deren Schutz haben. Subsidiarität im Sinne der Förderung regionaler Eigenständigkeiten hat eine Schlüsselbedeutung für die Förderung mittelständischer Unternehmen und ihrer ökologisch vorteilhaften Potentiale. Zugleich fördert Regionalisierung die Chancen zivilgesellschaftlicher Mitgestaltung des eigenen Lebensraumes. Dies ist eine demokratische Leitidee nachhaltiger Entwicklung. Daher ist eine “teilhabende Demokratie” (Agenda 21, Kapitel 27) nicht nur Mittel, sondern zugleich fundamentaler Inhalt des Konzepts nachhaltiger Entwicklung. Dem trägt die Agenda 21 Rechnung, indem sie einen Schwerpunkt ihres Programms der “Stärkung der Rolle wichtiger Gruppen” (Teil III) widmet. Subsidiarität ist ein Schlüsselprinzip, um den Auswirkungen der Globalisierung organisatorisch so zu begegnen, daß dabei zwar regionale und lokale Handlungszusammenhänge im Vordergrund stehen, ohne daß dabei der zum Verständnis der ökologischen Problematik notwendige weltweite Horizont verlorengeht. Dies wird in dem Slogan “global denken, lokal handeln” ausgedrückt, der sich in der ökologischen Debatte als eine wichtige Interpretation des Subsidiaritätsprinzips etabliert hat
Auf diese hier nur kurz skizzierte Weise verknüpft und aktualisiert Nachhaltigkeit die traditionellen Prinzipien der Sozialethik im Problemhorizont der ökologischen Frage. So gewinnt das Nachhaltigkeitsprinzip wichtige Inhalte seiner Begründung, seiner ethischen Motivationskraft und seiner organisatorischen Gestalt aus dem engen Verweisungszusammenhang zu den bekannten Prinzipien: Ohne die anthropozentrische und damit personale Rückbindung würde der Versuch, die umfassenden Forderungen des Nachhaltigkeitssprinzips zu begründen unweigerlich in naturalistische Konzepte münden (Vogt 1996b, 34-38). Ohne das Solidaritätsprinzip und all die vielen Institutionen, die zur Sicherung solidarischer Armutsbekämpfung geschaffen wurden, bliebe das Nachhaltigkeitsprinzip gewissermaßen politisch und gesellschaftlich im leeren Raum, isoliert und – wie insbesondere das UNO-Konzept zeigt – ohne stringente Begründung seiner wirtschaftlichen Komponente. Ohne den Zusammenhang zum Subsidiaritätsprinzip würde dem Konzept der nachhaltigen Entwicklung das organisatorische Herzstück fehlen. Ökologische Imperative könnten dann dazu mißbraucht werden, mehr Staat, mehr Reglementierung und mehr Zentralisierung zu fordern, statt Strukturen der Freiheit und der Anpassung an die jeweiligen sozialen und natürlichen Lebensräume zu fördern.
In all diesen Überlegungen zur ökologischen Dimension der traditionellen Sozialprinzipien kommt die nichtmenschliche Natur nur vermittelt über andere Inhalte zur Sprache. Ein Verständnis der ökologischen Verantwortung als bloßes Interpretationsmoment der sozialen oder wirtschaftlichen Verantwortung würde jedoch der grundsätzlichen Problematik nicht gerecht. Es stünde im Widerspruch zum Nachhaltigkeitskonzept, das die ökologische Dimension als eine eigenständige Zielgröße gesellschaftlicher Entwicklung definiert: Der Schutz der Natur wird nicht nur um wirtschaftlicher und sozialer Ziele willen gefordert, sondern auch um seiner selbst willen. In der Ethik wird dies mit dem Stichwort Eigenwert der Natur umschrieben. Der Grundbeziehung des Menschen zur außermenschlichen Natur korrespondiert dementsprechend ein eigener Gegenstandsbereich, der nicht schon in den sozialen oder ökonomischen Beziehungen enthalten ist (Münk 1998, 242f.; Lochbühler 1998, 145).
Nachhaltigkeit als neues Sozialprinzip
Das bedeutet für das Nachhaltigkeitsprinzip: Der systematische Zusammenhang zu den traditionellen, auf den zwischenmenschlichen und gesellschaftlich-strukturellen Bereich bezogenen Prinzipien ist nicht so zu verstehen, daß es darin enthalten oder als bloße Anwendung der überkommenen Denkmodelle auf die menschlich Naturbeziehung daraus ableitbar sei. Dies wäre eine Verkennung der Tatsache, daß nicht die Gesellschaft das Umfassende ist, sondern in vieler Hinsicht die Natur. Schließlich wird das Gesellschaftssystem von den ökologischen Systemen getragen, während diese ihrerseits nicht auf die Gesellschaft angewiesen sind. Dementsprechend stellt auch das Nachhaltigkeitsprinzip, das die Naturbeziehung repräsentiert, die bisherigen Lösungsmodelle für sozioökonomische und soziale Konflikte in einen größeren Zusammenhang. Es umgreift sie im Hinblick auf den Problemhorizont. Die Verantwortung des Menschen für die Natur, wie sie sich heute stellt, ist ihm aufgrund der anthropogenen Umweltveränderungen historisch neu zugewachsen. Aufgrund der global erfolgreichen Expansionsdynamik der Wirtschaft ist ein neues Feld ethischer Verantwortung entstanden, von deren Wahrnehmung das Überleben der Menschheit abhängt. Solange der Umweltaspekt in der Sozialethik nicht auch auf der Ebene der Prinzipien als wirklich eigenständiges Thema vorkommt, wird sie kaum in der Lage sein, eine systematische Antwort auf die ökologische Herausforderung zu geben.
Ökologische Ethik auf der Grundlage des Nachhaltigkeitsprinzips führt jedoch nicht aus der Gesellschaftstheorie und der Sozialethik heraus, sondern vielmehr tiefer in sie hinein. Es geht darum, soziale Verhältnisse und Überlebensfragen aus der Dynamik des menschlichen Natur-Gesellschafts-Verhältnisses heraus zu begreifen (Höhn 1997, 266). Das ergibt schon daraus, daß sich ökologische Gefahren in der Moderne nicht mehr primär auf die unbeherrschte Natur zurückführen lassen, sondern als nichtintendierte Nebenfolgen der Naturbeherrschung verstanden werden müssen. Soziale und ökologische Folgen dürfen also nicht isoliert neben- und nacheinander betrachtet werden, sondern wirklich ineinander und interdisziplinär vernetzt. Deshalb kann und muß Nachhaltigkeit als Sozial-Prinzip bezeichnet werden. Wenn man ökologische Ethik dagegen in der Begründung und Ausrichtung als Sonderethik konzipiert, gerät sie gesellschaftlich und ethisch ins Abseits. Das Nachhaltigkeitsprinzip gewinnt seine Eigenständigkeit also gerade nicht aus der Abgrenzung und Isolierung gegenüber den anderen Prinzipien, sondern vielmehr daraus, daß die Beziehung des Menschen zur Natur als ein Problemfeld verstanden wird, das alle drei Handlungsprinzipien in neuer Weise aktualisiert, vertieft und umfaßt. Das Neue ist nicht die Addition eines zusätzlichen Gegenstandsbereiches oder eine völlig eigenständigen Begründung (wie es etwa häufig auf der Basis des Begriffs “Leben” versucht wird), sondern ein neuer Problemhorizont, angesichts dessen es der Mensch neu lernen muß, sich als Teil der Schöpfung zu sehen und personale Freiheit sowie gesellschaftlichen Fortschritt nicht als Emanzipation von den naturwüchsigen Fesseln zu verstehen, sondern so, daß sie dauerhaft von den Bedingungen der Natur mitgetragen werden. ...